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Anke

Hallo!
Ich bin 27, w, und seit 2 Jahren fast komplett angstfrei!
Angefangen hat bei mir alles 1998. Schleichend. Zu der Zeit lebte ich im Ausland in England. Es fing damit an, dass ich nicht mehr U-Bahn fahren konnte. Schweißausbrüche, Durchfall, Atemnot. Langsam aber sicher habe ich damals immer neue Ausreden gefunden, um die U-Bahn zu ver-meiden. Einmal war ich bei einem Arzt, weil ich dachte mein Kreislauf spinne. Der hat mir ganz unsensibel gesagt, ich leide an Panikattacken - und es sei kein Wunder, dass ich beispielsweise meine Tage nicht mehr bekam, denn eine Renkuh auf der Flucht sei auch unfruchtbar! Ich hab gedacht ich spinne. An die Wand hätte ich den klatschen können. Ich bin aus der Praxis gelaufen und dachte, der Depp, was kapiert der denn schon. Also hab ich "normal" weiter gemacht, bin auf Busse ausgewichen...aber dann kam die Angst vor vollen Räumen, Theater, Kino, Kneipen usw.

Fast ein Jahr lang habe ich so meine Panikattacken ignoriert - vor mir und der Welt. Ich wusste, mir ging's nicht gut, aber mich der Situation stellen? Nein, dazu war ich zu feige. Dann kam mich meine Mutter besuchen - Anfang März 2000. Ich lebte schon seit '94 im Ausland - wir wollten den Millenium Dome in London sehen. Ich hab's 2 U-Bahn-Stationen ausgehal-ten. Sie wusste von nichts. Erklären konnte ich ihr meine Angst nicht. Aber in eine U-Bahn hat sie mich nicht mehr reingekriegt. Wir sind dann mit Bussen weitergefahren. Waren im Dom und sind mit dem Boot die Themse wieder zurück - grauenhaft. Die Szenerie war toll, aber ich dachte immer nur "wie lange noch, wie lange noch". die Toilette immer im Blick, unruhig. Aber ich dachte, ich könne ihr das so nicht zeigen, also hab ich mich zusammen genommen. Zu dem Zeitpunkt litt ich schon lange unter extremen Schlafstörungen - die Uni hab ich eben noch so hingekriegt. Meine Mutter fuhr zu ihren Verwandten in Nordengland, ich sollte einen Tag später mit dem Auto nachkommen. Ich fuhr los und kam bis Birmingham - STAU AUF EINER BRÜCKE. Ich sah das Ende der Schlange, verspürte wieder den Toilettendrang, fuhr links ran und stellte den Motor ab. Zuerst kam die Panikattacke, danach war ich seltsam seelenruhig, als ob ich gewusst habe, dass das der Scheidepunkt sein sollte - kurzum ich hab's nicht geschafft, mich nochmal hinter's Steuer zu setzen. Ich hab statt dessen den Notruf bedient. Und kurze Zeit später kamen 2 wirklich liebe Rettungs"menschen", die mir viel Verständnis entgegen brachten - ich setzte mich zu einem der beiden in den ADAC-Wagen, der an-dere fuhr mein Auto am Stau vorbei zur nächsten Raststätte. Da fragten sie mich, ob sie einen Notarzt rufen sollten, oder ob ich mich besser fühle. Ich bin dann weitergefahren (mit Lutschbonbons und einem Hörspiel, das ich mir zur Beruhigung gekauft hatte). Meiner Mutter wollte ich zuerst nichts erzählen. Aber verstecken wie's mir ging konnte ich dann auch nicht. Ich glaube ich hab ihr eine Heidenangst eingejagt. Ich war doch immer die Starke, Verlässliche in der Familie.

Sie hat mich zu einem Arzt geschleppt - der verschrieb mir Cypramil, ein mit Prozac verwandtes Medikament. Das war an einem Donnerstag - ich nahm die erste Tablette. Ich habe die Tage fast nur geweint, nichts gegessen (das einzige was ging war Gurke oder Melone und ich bin normaler Weise ein Vielesser), wenig getrunken, war ständig angespannt - ihr kennt das vielleicht. Gleichzeitig war ich unendlich erleichtert, dass "es" jetzt raus war. Meine Mutter flog am Freitag zurück nach Deutschland. Ich hätte sie dafür umbringen können. Inzwischen bin ich ihr dafür dankbar. Im Nachhinein war das wirklich wichtig für mich - ich musste mir ein-gestehen, dass ich Hilfe brauchte und lernen, mir selbst zu helfen. Schon Samstag setzten die Nebenwirkungen von Cypramil ein: Verfolgungsangst, richtige Angstzustände, eine ganze Palette unschöner Ekeligkeiten. Sonntag rief ich alle Flughäfen in England an, um heim zu fliegen. Auch wenn ich nie im Leben geflogen wäre - keiner hätte mich in ein Flugzeug geschafft. Ich dachte wirklich, ich hätte den Verstand verloren, wollte mich selber einweisen. Von einer Bekannten (Psychologin) meiner Mutter hatte ich den Namen einer Klinik bekommen: der Tavisstock (Tavvy).
Montag 7:45 stand ich auf der Matte. Ohne Überweisung, nur ich, weinend, insistierend, dass ich jemanden sehen müsse. Ich hatte dann nach 3 Stunden warten ein Gespräch mit einer Psychologin. Ich glaub, ich hab nur geheult, die ganze Zeit. Sie sagte mir dann, sie glaube, dass mir ein "Young-Person's Guidance Counselling" Programm helfen könne - 1x die Woche eine Session 4 Wochen lang. Innerhalb von 2 Wochen hatte ich meinen ersten Termin.

Diese Mini-Therapie (psychoanalytischen Ansatzes) über noch nicht mal 4 Stunden hat mein Leben verändert. Ich begriff, dass die Ursache meiner Panikattacken mit total überzogenen Ansprüchen an mich selbst zu tun hatten. Versagens- und Verlu-stängsten (ich war zu der Zeit arbeitslos und mein Vater war ziemlich krank - meine Schuld wie ich dachte) und einer handfesten Identitätskrise (was bin ich, wo gehöre ich hin etc.). Aber ich war auch ziemlich gnadenlos zu mir selbst - hab mich wirklich hinterfragt, mir keine Ausflüchte mehr erlaubt.

Schritt für Schritt bekam ich mein Leben und die Angst wieder in den Griff - zuallererst setzte ich rigoros dieses Teufelszeug Cypramil ab - ich wollte wissen, ob es mir aufgrund des Medikaments besser ging oder ob ich von ganz alleine auf dem Weg der Besserung war. Nachdem mir mein Hausarzt nicht sagen konnte, ob und wie ich absetzen sollte und meine Therapeutin genauso wenig, hab ich den Entzug alleine gemacht - von einem Tag auf den anderen. Das war vielleicht nicht toll oder klug, und 2 Tage gings mir auch wieder richtig dreckig, aber ich musste das machen - für mich. Außerdem hab ich mit Yoga angefangen, bin zu einer super Akkupunktur-Therapeutin (ungefähr 15x) gegangen, bin alles erlaufen, fand einen Job, neue Freunde (hatte mich total isoliert) und beschloss letztendlich, nach Deutschland zurückzukehren.

Wenn ich zurückdenke war das wichtigste, aktiv zu bleiben - viel zu unternehmen. Die Therapie war im März/April. Im August saß ich für 4 Stunden im Flieger nach Ägypten, hab's geschafft, stundenlang am Strand zu liegen und den Urlaub sogar zu genießen!!! Im Dezember kündigte ich meinen Job in England und zog nach Deutschland. Ich hab ganz von vorn angefangen - und bin damit glücklicher geworden. Seitdem lebe ich praktisch angstfrei. Nur die Angst vor der Angst ist geblieben - manchmal erinnert sie mich dran, wie beschissen es mir vor 2 Jahren ging. Dann bin ich glücklich, weil ich weiß, dass man mit Kraft und Mut, sich seinen Problemen zu stellen, auch die schlimmsten Situationen meistern kann.

Letztes Wochenende (genau 2 Jahre nachdem ich weg bin) war ich zum ersten Mal wieder in London. Und ja, ich hatte ein ungutes Gefühl, wieder hinzufliegen. 4 Tage lang war ich da. Die ersten Tage waren superschön, obwohl ich mich permanent selbst auf Symptome beobachtet habe. Am letzten Tag hab ich schon gemerkt, wie ich innerlich auf Hab-Acht-Stellung war und auch wieder die altbekannte Unruhe bemerkt. Keine Panikattacken, aber Unwohlfühlen-es-könne-ja-was-kommen... Diese Unruhe, die Angst vor der Angst blieb für ungefähr 24 Stunden. Währenddessen war ich echt wieder davon überzeugt, einen Rückfall zu erleiden, durchzudrehen. und drauf und dran einen Flug mit meinem Freund in 9 Tagen einfach abzusagen.

Doch nachdem ich jetzt wieder in meinem deutschen Alltag stecke, meine Freunde, Kollegen und meine Wohnung sehe, weiß ich, dass ich heute ein anderer Mensch bin und auf dem richtigen Weg. Und die Angst ist wieder weg. Deshalb fliege ich auch in 9 Tagen wieder zurück nach London. Ob das eine gute Idee ist weiß ich nicht.
Ich weiß nur, dass es fast so schlimm ist, Angst vor der Angst zu haben, wie Angst zu haben. Und diesmal stelle ich mich eben der Angst vor der Angst.
Anke
 
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