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Aufmerksamkeitslenkung
Konzentration auf die Umwelt statt auf den Körper bei akuter Panik Beobachten Sie bei akuter Angst und Panik nicht den Körper, sondern die Umgebung! Konzentration auf die Umwelt statt auf den Körper bei akuter Panik Beobachten Sie bei akuter Angst und Panik nicht den Körper, sondern die Umgebung! Die ständige Selbstbeobachtung und Konzentration auf die vorhandenen Symptome verstärkt die Angstbereitschaft, wodurch die Beschwerden größer und die Panikattacken wahrscheinlicher werden. Wenden Sie sich daher bei beginnender Panikattacke vom Beobachten und Erleben des eigenen Körpers ab und konzentrieren Sie sich auf die Umgebung. Verzichten Sie auf den direkten Kampf gegen die Paniksymptome.

Je mehr Sie gegen etwas direkt ankämpfen, um so stärker bleibt dies im Gedächtnis haften. Dies lässt sich anhand eines Beispiels demonstrieren. Stellen Sie sich eine Minute lang eine grüne Wiese vor, auf der ein weißer Elefant steht. Dann stellen Sie sich dieselbe grüne Wiese eine Minute lang ohne den weißen Elefanten vor. Wie können Sie das beharrliche Bild des weißen Elefanten am ehesten zum Verschwinden bringen?
Ein Training der Konzentrationslenkung kann Ihnen helfen, fast jede beginnende Panikattacke rasch zu beenden, indem Sie sich auf etwas anderes konzentrieren. Verwenden Sie Konzentrationshilfen, die eine bessere Wahrnehmung der Umwelt über alle Sinneskanäle ermöglicht:

  • Was sehen und hören Sie jetzt gerade, wenn Sie sich auf die Umwelt konzentrieren?
  • Was riechen und schmecken Sie gegenwärtig, wenn Sie mehr darauf achten?
  • Was tasten und spüren Sie im Moment, soweit es die konkrete Umgebung betrifft?

Sorgen Sie für den Notfall vor und überlegen Sie, welche der folgenden Anregungen für Sie nützlich sein könnten:
Konzentrieren Sie sich auf etwas, das 5 Minuten lang Ihre ganze Aufmerksamkeit erfordert. Damit fangen Sie oft bereits die ärgste Panik ab.

  • Denken Sie an etwas, das Sie in der nächsten Zeit unbedingt tun müssen, wenn Sie nicht Nachteile in Kauf nehmen wollen, oder gehen Sie im Geist verschiedene Aufgaben durch, die Sie erledigen müssen (bestimmte Reparaturen, Speiseplanerstellung, Behördenwege, Ausflugsplanung u.a.).
  • Fixieren Sie einen Punkt oder Gegenstand, wodurch Sie ruhiger werden.
  • Beobachten Sie Häuser, Bäume, Pflanzen, Tiere, Autos, Nummernschilder, Plakate, Bilder, Schaufenster usw. und prägen Sie sich alles möglichst gut ein.
  • Beobachten Sie (z.B. in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Geschäften) andere Menschen, ihre Haltung, Mimik, Kleidung usw. und versuchen Sie über diese Menschen etwas zu erraten (Alter, Beruf, Herkunftsland usw.).
  • Beobachten Sie beim Autofahren die Umgebung, hören Sie Radio oder Kassetten und summen bzw. singen Sie laut zur Musik mit.
  • Drehen Sie den Fernsehapparat auf und suchen Sie den interessantesten Film aus.
  • Hören Sie Ihre Lieblingsmusik bzw. das, was Sie noch kaum gehört haben.
    Verwenden Sie unterwegs einen Walkman wie Jugendliche mit Ihrer Lieblingsmusik und summen bzw. bewegen Sie sich dazu.
  • Klatschen Sie rhythmisch mit den Händen zu einem bestimmten Lied, das Sie gleichzeitig singen, vielleicht mit Unterstützung durch einen Tonträger.
  • Schauen Sie Ihre Fotos oder Videoaufnahmen an (z.B. vom letzten Urlaub).
  • Lesen Sie ein spannendes Buch, eine Zeitung oder Zeitschrift, am besten laut.
  • Schreiben Sie einen Brief, machen Sie Notizen für bestimmte Planungen oder schreiben Sie auf, was Sie einkaufen müssen.
  • Konzentrieren Sie sich auf Rechenaufgaben, auf die Berechnung Ihrer wöchentlichen Haushaltsausgaben oder auf das Lösen von Kreuzworträtseln.
  • Spielen Sie etwas, das Sie fordert (z.B. Computerspiele, Gameboy, mit Tieren).
  • Gehen Sie in Ihr Bad und nehmen Sie eine Wechseldusche, mit warmem Wasser beginnend, mit kaltem Wasser endend.
  • Beginnen Sie mit einer Hausarbeit oder Gartenarbeit, die eine natürliche Form der Bewegung und Ablenkung darstellt.
  • Telefonieren Sie mit jemand, wenn Sie allein zu Hause sind, ohne von Ihrer momentanen Panikattacke zu berichten, und warten Sie ab, ob Ihr Telefonpartner Ihre Unruhe überhaupt erkennt. Rufen Sie nur in Ausnahmefällen Ihren Partner, Arzt oder Therapeuten an, ein Telefonat mit Verwandten, Bekannten, Behörden oder Firmen (z.B. Reisebüro wegen Urlaubsangeboten) tut es auch.
  • Wenn Sie allein zu Hause sind, verlassen Sie die Wohnung und gehen Sie spazieren, wenn nötig unter Menschen, ohne jemand wegen Ihrer Zustände anzureden.
  • Wenn Sie zu Hause eine Panikattacke im Sitzen oder Liegen überfällt, stehen Sie auf und gehen Sie in der Wohnung umher.
  • Wenn Sie allein unterwegs sind, sprechen Sie andere Menschen an und fragen Sie nach etwas, ohne von Ihrer Panik zu erzählen.
  • Lesen Sie im Geschäft die Aufschrift bei verschiedenen Produkten, suchen Sie nach ausgefallenen Artikeln oder beginnen Sie ein Gespräch mit einer Verkäuferin.
  • Genießen Sie etwas: Nahrungsmittel, Obst, Süßigkeit, Kaugummi, Getränk.
  • Riechen Sie einen angenehmen Geruch, den Sie in Ihrer Wohnung verbreiten (z.B. ätherisches Öl).
  • Betasten Sie mit Ihren Händen Dinge, die Sie mögen, um sich wohl zu fühlen. Streicheln Sie ein Tier oder Stofftier, um andere Empfindungen zu bekommen.


Konzentration auf die Gegenwart statt auf die Zukunft

Bleiben Sie bei Panik im Hier und Jetzt, ohne negative Erwartungen! Panikattacken werden oft durch ganz bildhaft-konkrete Vorstellungen über die nächste Panikattacke ausgelöst, was durch die lebendige Vergegenwärtigung der letzten Panikattacke immer wieder neu provoziert wird. Beim Auftreten verschiedener an sich ertragbarer Symptome (leichtes Herzklopfen, Schwitzen, Kribbeln, Schwindel usw.) läuft gleichsam ein innerer Film bis zur befürchteten Panikattacke weiter.

Bei einer generalisierten Angststörung und sozialen Phobie werden ebenfalls regelmäßig negative Zukunftsvorstellungen entwickelt, die sich auf befürchtete Katastrophen bzw. soziale Kritik oder Ablehnung beziehen.

Sie können lernen, Ihre Angstreaktionen nicht durch furchterregende Phantasievorstellungen zu verstärken, sondern durch die Konzentration auf die aktuelle Situation erträglicher zu gestalten. Folgende Tipps können Ihnen dabei helfen:
  1. Widerstehen Sie den negativen, angstmachenden Zukunftsvorstellungen und bleiben Sie mit aller mentalen Kraft in der Gegenwart, in der Realität, im Hier und Jetzt. Konzentrieren Sie sich auf die Gegenwart, keine Sekunde früher oder später.
  2. Beobachten Sie, was im Moment um Sie herum geschieht.
  3. Sprechen Sie mit sich selbst, indem Sie kommentieren, was Sie jetzt spüren.
  4. Sagen Sie sich wiederholt, dass Sie das aushalten können, was Sie jetzt spüren.
  5. Sagen Sie sich, dass Sie sich jetzt in einem Zustand befinden, den Sie schon x-mal überlebt haben und daher auch zukünftig aushalten können.
  6. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Atmung und stellen Sie sich vor, wie Sie mit jeder Einatmung durch die Nase mehr Kraft und Zuversicht bekommen und mit jeder Ausatmung durch die leicht geschlossenen Lippen immer mehr Druck und Anspannung von sich geben. Während Sie Ihre Atmung beobachten, werden negative Gedanken ausgeblendet.

Untersuchungen über die Effekte von Zuwendung bzw. Abwendung der Aufmerksamkeit auf bestimmte Stressreize haben ergeben, dass die Abwendung vom Stressor kurzfristig bessere Resultate erbringt (in Akutsituationen wie starken Schmerzzuständen), die Zuwendung zum Stressor jedoch langfristig wirksamer ist (bei länger andauernden psychischen und physischen Stresssituationen). Daraus lässt sich ableiten, dass in akuten Paniksituationen eine wirksame Ablenkungstechnik hilfreich ist, während angesichts der chronischen Erwartungsängste und der erhöhten psychovegetativen Erregbarkeit eine Zuwendung zum Körper mit dem Ziel der besseren Wahrnehmung und Erträglichkeit der Symptome sinnvoller ist. Ablenkungstechniken sind wirksam, wenn man ganz in den alternativen Vorstellungen oder Tätigkeiten aufgehen kann, d.h. sie müssen fesselnd sein. Man muss dann auch nicht fürchten, dass der unerwünschte Gedanke doch auftreten könnte. Er verblasst angesichts der Attraktivität der Alternativen.

Die genaue Beobachtung des Ist-Zustandes macht die Abwehr von etwas noch Schlimmerem überflüssig, weil der aktuelle Zustand aushaltbar ist. Die Zuwendung auf die eigene Person in Form der Selbstwahrnehmung der momentanen körperlichen, emotionalen und geistigen Befindlichkeit verhindert die drohende Entfremdung vom aktuellen Erleben und den gegenwärtigen Bedürfnissen. Das Gewahr-Werden bzw. Gewahr-Sein der inneren und äußeren Ereignisse, die im Hier-und-Jetzt auftreten, ist die Voraussetzung für jede Veränderung von Problemen im Verhalten und Erleben. Das bessere Wahrnehmen und Zulassen der Ist-Situation ist erlernbar durch ein Training der Aufmerksamkeit auf die von außen einströmenden Informationen und die im Inneren entstehenden körperlichen, emotionalen und kognitiven Prozesse.

Menschen mit Angst- und Panikzuständen fällt es schwer, sich ihrem Körper voll und ganz zuzuwenden, weil sie durch die Wahrnehmung der aktuellen Befindlichkeit (beginnende Angstsymptomatik) befürchten, die Symptomatik im Sinne des Teufelskreises der Angst bis zu einer Panikattacke aufzuschaukeln. Sie brechen daher den Wahrnehmungsvorgang ab und wissen im Erstgespräch oft nicht einmal zu berichten, wie sich die körperliche Erregung genau entwickelt ("Es kommt alles ganz plötzlich über mich"), weil die ersten Anzeichen gar nicht wahrgenommen wurden.

Angstpatienten fürchten auch die bei Entspannungsübungen öfters auftretenden unangenehmen Zustände wie Schwindel, Übelkeit, starkes Herzklopfen, Schweißausbrüche, Kribbelgefühle und Zucken der Muskeln als Ausdruck eines Kontrollverlusts. Sie vermeiden daher häufig Entspannungszustände oder fürchten sich vor dem Schlafengehen, weil in diesen Situationen nicht selten Panikattacken oder panikähnliche Zustände auftreten. Diese körperlichen Zustände werden bei geschlossenen Augen noch intensiver erlebt als bei offenen. Entsprechende Situationen sollten daher gezielt aufgesucht werden, um besser damit umgehen zu lernen.

Die Technik des "konstatierenden Beobachtens" des aktuellen Geschehens anstelle angstmachender Zukunftsphantasien oder Ablenkungstechniken soll modellhaft bei einer beginnenden Panikattacke im Rahmen einer Agoraphobie dargestellt werden:
Ich merke, wie sich meine Beine zu verkrampfen beginnen und wie unsicher ich dastehe. Ich bekomme Angst umzufallen, aber noch stehe ich. Meine Knie beginnen zu zittern, ich halte die Luft an, mir wird so schwindlig, jetzt glaube ich, dass ich gleich umfallen werde, am liebsten möchte ich mich irgendwo anhalten, aber ich stehe noch immer da. Mir wird etwas übel, ich atme einmal tief durch, vielleicht wird es dann besser. Mir wird vom Bauch aus bis zum Kopf ganz heiß, das kenne ich schon, ich öffne zwei Knöpfe meiner Kleidung, jetzt ist es etwas erträglicher. Mein Herz schlägt wie verrückt, das macht mir Angst, jetzt spüre ich das Pochen auch in den Adern. Das muss ich jetzt aushalten, warum muss mein Herz immer gleich so zu rasen beginnen. Jetzt fängt auch wieder dieser lästige Druck auf der Brust an. Ich schnaufe jetzt am besten einige Male tief durch, auch wenn mir dies etwas schwer fällt, am besten durch die Nase, nicht durch den Mund. Aber einmal muss ich noch durch den Mund tief Luft holen, sonst halte ich das nicht aus. Ich atme dafür auch ganz fest durch den Mund aus. Es wird leichter, wenn ich mich zu bewegen beginne. Nur nicht ruhig stehen bleiben, ich beuge meine Knie ein paar Mal etwas federnd durch und schüttle dabei meine Hände und meinen Kopf. Jetzt weiß ich, ich habe es wieder einmal geschafft, ich stehe noch immer und kann meinen Weg weitergehen. Es ist mir peinlich, wenn mich jetzt jemand beobachtet hat, aber eigentlich kann es jedem einmal schlecht gehen. Ich bin schon froh, wenn ich mich nicht mehr so unterkriegen lasse wie früher.

Das empfehlenswerte Taschenbuch "Die Spirale im Kopf. Von der Hartnäckigkeit unerwünschter Gedanken - Die Psychologie der mentalen Kontrolle" des amerikanischen Psychologen Wegner zeigt unter Hinweis auf psychologische Experimente eindrucksvoll auf, wie durch Unterdrückung unerwünschter Gedanken und Gefühle (Angst- und Zwangsgedanken, Erinnerungen an traumatische Erfahrungen, depressive Gedanken und Stimmungen, impulshaftes Verlangen nach Suchtmitteln usw.) die innere Unruhe noch stärker statt schwächer wird.

Das bewusste Unterdrücken von Gedanken und Gefühlen, denen man sich vorher ausgiebig gewidmet hat, führt zu messbarer Anspannung, auch wenn diese subjektiv nicht erlebt wird. Kurzfristiges Zulassen der entsprechenden Gedanken und Empfindungen und gleichgültige Gelassenheit vertreiben die unerwünschten Zustände am raschesten, während sie durch aktive Zuwendung und Bekämpfung fixiert werden.

Das Geheimnis der mentalen Kontrolle besteht demnach im Verzicht auf die permanenten, auf Dauer unwirksamen Unterdrückungsversuche unliebsamer Vorstellungen und Empfindungen zugunsten des kognitiven und emotionalen Einlassens auf die unerwünschten Inhalte. Der relativ kurze, wenngleich intensive Aufwand für die Auseinandersetzung mit den gefürchteten "Was wäre, wenn"-Inhalten steht in keinem Verhältnis zu den ständigen Unterdrückungsversuchen, die sehr viel Energie kosten.


Autor: Dr.Hans Morschitzky
 
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