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Man wandelt nur das, was man annimmt.
(Carl Gustav Jung)
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Bewegungstraining bei Panik
Bleiben Sie bei einer akuten Panikattacke nicht ruhig, sondern bewegen
Sie sich! Bei einer bereits eingetretenen Panikattacke helfen oft keine
Atem- und Muskelentspannungsübungen mehr, sondern nur intensive
körperliche Bewegung. Umhergehen, auch wenn Sie dies bisher als Zeichen
der Nervosität erlebt haben, ist durchaus eine adäquate Reaktion, um
die muskuläre Anspannung abzureagieren.
Reine Atemtechniken, wie sie als Hilfe bei beginnender Panikattacke
beschrieben werden, sind bei akuter Panikattacke aus folgenden Gründen
ineffizient:
Die körperliche Anspannung erfordert körperliche Bewegung zur Abreaktion.
Atemtechniken fördern die anhaltende Konzentration auf den eigenen
Körper, was bei einer akuten Panikattacke nur die Wahrnehmung der
körperlichen Störungen intensiviert und die Panik verstärkt.
Hilfreich sind folgende körperliche Betätigungen:
- Jede
Form von Gymnastik (wenn möglich bei offenem Fenster wegen der
Frischluft): Kniebeugen, Liegestütz, Rumpfkreisen, Schnurspringen,
Schigymnastik usw.
- Laufen, Stiegensteigen oder in Wohnung 5 Minuten auf der Stelle treten.
- Verwendung eines Hometrainers oder liegend radfahrende Bewegungen machen.
- Übung "nasser Hund": den Körper im Stehen kräftig durchschütteln (Arme und Beine fest ausschütteln).
- Tanzen bzw. laut singen, besonders zur Lieblingsmusik.
- Körperlich arbeiten bis zur Erschöpfung.
- Bewegung in Verbindung mit den beschriebenen Atemtechniken.
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Machen Sie auch dann intensive körperliche Bewegungen, wenn Sie meinen,
Sie müssten sich aus Sicherheitsgründen ganz ruhig verhalten und
schonen. Durch die intensive Körperarbeit werden die ausgeschütteten
Stresshormone rascher abgebaut. Bewegung bietet Ihnen vor allem auch
eine einfache Erklärung für die körperliche Aktivierung, die Ihnen bei
einer Panikattacke in Ruhe oft unerklärlich erscheinen mag. Wenn Sie
sich bei Panikattacken, die durch Hyperventilation ausgelöst werden,
rhythmisch zu bewegen beginnen, zwingen Sie Ihre Atmung einfach durch
die Art der Bewegung zu einem langsameren Tempo.
Wenn Sie bei niedrigem Blutdruck in einer Schrecksekunde bzw. in einer
Phase der Hilflosigkeit Ihren Blutdruck noch weiter absinken spüren
(Schwindelgefühl, Ohrensausen, kalter Schweiß auf der Stirn, ein
bestimmtes Gefühl im Magen), so dass Sie sich einer Ohnmacht nahe
fühlen oder aus Erfahrung wissen, dass dann bald eine Panikattacke zur
Hebung des Blutdrucks einsetzt, können Sie außer Bewegung auch eine
bestimmte Form der Muskelanspannung praktizieren, die sich bei Blut-
und Verletzungsphobien bewährt hat, wo ebenfalls eine rapide Absenkung
des Blutdrucks erfolgt.
Spannen Sie die großen Skelettmuskeln (Brust, Arme, Oberschenkel) an
und halten Sie diese Spannung für 15-20 Sekunden an (d.h. länger als
bei der progressiven Muskelanspannung). Dann lösen Sie die Spannung
wieder bis auf das Ausgangsniveau, aber nicht bis zur Entspannung. Nach
30 Sekunden spannen Sie diese Muskeln wiederum an. Wenn Sie diesen
Vorgang fünfmal wiederholen, steigt Ihr Blutdruck ganz bestimmt und
verhindert wirksam eine Ohnmacht, wie dies bei Blutphobien nachgewiesen
wurde.
Konditionstraining
Betreiben Sie (wieder) regelmäßig Sport und achten Sie auf ausreichende
Bewegung, besonders bei einem sitzenden Beruf! Beginnen Sie dabei im
Sinne eines Aufbautrainings und üben Sie möglichst regelmäßig anstelle
einer gelegentlichen exzessiven sportlichen Betätigung. Viele
Panikpatienten waren früher oft überdurchschnittlich sportlich, haben
jedoch nach Beginn der Panikstörung alle sportlichen Tätigkeiten
eingestellt aus Angst, die Symptomatik dadurch zu provozieren.
Menschen mit Panikstörungen schonen sich nicht selten mehr als Menschen
nach einem Herzinfarkt, denen vom Arzt relativ rasch ein dosiertes
körperliches Training verordnet wird. Die ständige Schonhaltung führt
jedoch zu mangelnder körperlicher Fitness und verstärkt dadurch erst
recht die Panikneigung. Wenn dies auch auf Sie zutrifft, werden Sie
durch die regelmäßige Sportausübung und das damit verbundene
körperliche Erfolgserlebnis rasch Ihr früheres Selbstbewusstsein
wiedergewinnen.
Für Menschen mit Schwindelzuständen und/oder Agoraphobie ist Gehen über
längere Strecken die einfachste und gesündeste Form der körperlichen
Aktivität. Unser Körper ist auf die Fortbewegung auf zwei Beinen
angelegt.
Gehen (heute oft "Walking" genannt) stellt ein natürliches Training des
Gleichgewichtssinns dar und fördert als aerobe Übung die
Ausdauerbelastbarkeit. Gehen Sie täglich 5 km in 45 Minuten. Wenn Herz-
und Atemfrequenz nach 45 Minuten Gehen nicht erhöht sind, gehen Sie
schneller oder auf einer Strecke mit einer leichten Steigung.
Die Gleichgewichtsregulierung ist eine wichtige Komponente beim Gehen.
Beim Gehen erfolgt im Gehirn eine Verknüpfung von visueller, taktiler
und propriozeptiver Stimulation. Visuelle Reize beim Stehen und Gehen
helfen zur Lageorientierung. Tastrezeptoren melden den Kontakt mit der
Erde. Propriorezeptoren in den Muskeln, Sehnen und Gelenken informieren
das Gehirn über die exakte Position der Körperteile im Raum. Störungen
in einem dieser Kanäle führen zu einem Gefühl des Schwankens.
Schonen Sie Ihren Körper nicht ständig, sondern trainieren Sie ihn!
Bewegung und Atmung spielen rhythmisch und harmonisch zusammen. Wie
immer Sie sich bewegen, atmen Sie stets mit Bewegungsbeginn aus, am
besten mit einem Stimmlaut ("HUH", "HA" usw.). Das Prinzip der
Ausatmung während der Belastung ist vom Sport her bekannt (das Ausatmen
erfolgt z.B. im Tennis beim Schlag, beim Speerwerfen während des
Abwurfs). Beim Radfahren, Schiwandern, Schwimmen, Laufen usw. gilt
immer das gleiche Prinzip: die Kopplung von Bewegung und Atmung spart
Kraft und bewirkt eine maximale Ausschöpfung des eingeatmeten
Sauerstoffs.
Vermehrte Bewegung baut überschüssige Energie ab, kräftigt den
Herzmuskel (das Herz muss bei gleicher Arbeitsleistung weniger
schlagen, weil die Pumpkraft erhöht wird), verbessert die Durchblutung,
erhöht die Sauerstoffzufuhr, bewirkt eine schnellere Erholung nach
Belastungen und bedeutet einen Reiz zur Bildung neuer Blutgefäße
(Kapillargefäße).
Beim Konditionstraining soll der Puls zwischen 140 und 160 betragen. In
bezug auf das Alter ist folgende (grobe) Formel für den oberen Pulswert
bekannt: 180 Schläge pro Minute minus Lebensalter, d.h. 150 für einen
30jährigen. Ein echter Trainingseffekt ergibt sich nur bei regelmäßigem
Training (3 mal pro Woche jeweils 30-45 Minuten). Die
Leistungsfähigkeit wird durch ein derartiges Trainingsprogramm im Laufe
der Zeit um 30-50% gesteigert.
Aktivitätsaufbau
Viele Menschen mit Agoraphobie schränken ihre Aktivitäten,
Freizeitinteressen und Sozialkontakte zunehmend ein, weil dies zumeist
erfordert, das Haus zu verlassen und sich angstmachenden Situationen zu
stellen. Sie ziehen sich immer mehr vom bisherigen Bekanntenkreis
zurück und werden sozial isoliert. Alle Tätigkeiten, die früher Spaß
gemacht haben, werden aus Angst vor Panikattacken vermieden.
Aus diesem Meidungsverhalten entwickelt sich häufig eine sekundäre
Depression, in deren Rahmen noch weniger Aktivitäten erfolgen. Zur
Verhinderung einer derartigen Entwicklung sollten Sie Ihre früheren
Freizeitaktivitäten außer Haus wieder aufnehmen bzw. entsprechende
Interessen ausbauen. Besuchen Sie wieder Freunde und Verwandte, rufen
Sie alte Bekannte an und vereinbaren Sie ein Treffen, nehmen Sie teil
an gesellschaftlichen Ereignissen, unternehmen Sie nach der Arbeit
wieder etwas mit Ihren Arbeitskollegen, gehen Sie in Clubs und
Sportvereine, die Ihnen früher wichtig waren.
Wenn Sie derzeit nicht berufstätig sind (was für viele Frauen
zutrifft), überlegen Sie eine außerhäusliche Tätigkeit (z.B. eine
Halbtagsarbeit, die Teilnahme an Frauen- und Mütterrunden sowie an
Kursen zur Verbesserung Ihrer sportlichen, künstlerischen, geistigen
oder beruflichen Fähigkeiten). Was haben Sie früher gerne getan, was
würde Ihnen auch jetzt noch Spaß machen, wenn Sie nur Ihre Ängste
überwinden könnten? Kämpfen Sie nicht so sehr gegen Ihre Ängste,
sondern vielmehr für ein befriedigenderes Leben, indem Sie einfach tun,
was Ihnen gefällt.
Angenommen, es geschieht ein Wunder, und Sie wachen morgen in der Früh
auf und haben keine lebenseinengenden Ängste, keine Agoraphobie oder
Panikattacken mehr, was würden Sie da tun? Erstellen Sie eine Liste
aller gewünschten Tätigkeiten. Was davon könnten Sie schon jetzt tun,
was erst nach Überwindung Ihrer Ängste?
Viele Angstpatienten sind an "guten Tagen" durchaus erfolgreich in
ihren Bemühungen und werden inaktiv an "schlechten Tagen". Nehmen Sie
eine Tagesplanung unabhängig von Ihren Stimmungen und Ängsten vor.
Erstellen Sie einen Tages- und Wochenplan, was Sie tun müssen und was
Sie gerne tun wollen, und führen Sie diese Tätigkeiten zum gegebenen
Zeitpunkt unabhängig von Ihrer Stimmung aus. Diese Vorgangsweise wird
auch depressiven Patienten empfohlen (Motto: "Aktivität verbessert die
Stimmung").
Bei Angstpatienten tritt die größte Angst immer erst dann auf, wenn sie
etwas tun sollen oder wollen. Rechnen Sie damit, dass dies auch bei
Ihnen so sein wird. Ihre relative Angstfreiheit ist erkauft um den
Preis, dass Sie sich zu einer Meidung angstmachender Situationen
entschlossen haben. Die Einstellung, verschiedene Aktivitäten erst dann
zu unternehmen, wenn die Angst weg ist, ist ebenso handlungsblockierend
wie der Vorsatz depressiver Patienten, wieder aktiv zu werden, wenn die
Stimmung besser ist.
Bei bestimmten Menschen ufern die Angst- und Panikzustände aufgrund
eines unzureichend strukturierten Tagesablaufs stärker aus als bei
anderen Personen. Hausfrauen, Studenten und Selbständige können
Angstsituationen leichter vermeiden, weil sie nicht so sehr den Zwängen
der Fremdbestimmung ausgesetzt sind, sondern sich den Tag je nach
Stimmung einteilen können.
Zu lange Krankenstände bei Angststörungen führen oft ebenfalls dazu,
dass die Ängste nicht weniger werden, sondern nur vermieden werden, um
dann um so heftiger aufzutreten, wenn die Gesundschreibung erfolgt.
Gesundheitsmaßnahmen
Menschen mit einer Panikstörung leben oft ziemlich ungesund, was
Panikattacken bewirken oder verstärken kann. Folgende Ratschläge können
weiterhelfen:
- Ernähren
Sie sich gesund! Richtige Ernährung, die Ihnen die notwendigen
Vitamine, Mineralstoffe (z.B. Calcium, Natrium, Phosphor, Magnesium)
und Spurenelemente (z.B. Eisen, Chrom, Kobalt, Fluor, Jod) zuführt,
stärkt Ihren Körper. Holen Sie bei Bedarf entsprechende Informationen
ein oder nehmen Sie eine Ernährungsberatung in Anspruch. Hungerkuren
(Blutzuckerabfall) können ebenso Panikattacken auslösen wie größere
Mengen von Süßigkeiten (vermehrte Adrenalinausschüttung zur Aktivierung
der Zuckerneubildung).
- Schränken
Sie das Rauchen und übermäßige Kaffeetrinken ein! Viele Panikpatienten
rauchen zuviel und/oder trinken zuviel Kaffee bzw. koffeinhaltige
Getränke. Suchen Sie andere Möglichkeiten, wie Sie Stress begegnen
können, ohne auf diese Genussmittel gänzlich verzichten zu müssen, wenn
Sie damit umgehen können.
- Vermeiden
Sie übermäßigen Alkoholkonsum! Wenn Sie früher gerne Alkohol getrunken
haben, ohne dabei Probleme von Missbrauch oder Abhängigkeit zu
bekommen, können Sie dieses Genussmittel weiterhin zu sich nehmen.
- Vermeiden
Sie übermäßige Schonung und Bettruhe tagsüber! Viele Panikpatienten
schonen sich zu sehr und verlieren jene körperliche Fitness, die sie
früher oft ausgezeichnet hat. Mangelnde körperliche Kondition
begünstigt Panikattacken.
- Achten Sie
auf ausreichenden Schlaf! Zuwenig Schlaf sowie Ein- und
Durchschlafstörungen verhindern die Regeneration und führen zu
psychischer Überlastung. Schlafdefizite beeinträchtigen die
Leistungsfähigkeit Ihres Immunsystems.
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Schlafgestörte Angstpatienten können von folgenden Hilfestellungen profitieren:
-
ein Glas warme Milch mit Honig vor dem Schlafengehen,
-
ein warmes Bad, kalte Armbäder (10-30 Sekunden) und kalte Fußwickel,
-
Baldrian- oder Baldrian-Hopfen-Präparate (z.B. Hova®, Hovaletten® N),
-
Lavendelgeruch (getrocknete Blüten oder Öl) oder ein anderer Duft,
-
Schlafengehen erst bei Müdigkeit oder eine Stunde später als gewohnt,
-
morgens stets zur gleichen Zeit aufstehen, auch bei Schlaflosigkeit,
-
möglichst lange munter bleiben, was zum gegenteiligen Effekt führt,
-
mit offenen Augen im Finstern im Bett liegen (dies bewirkt eine Müdigkeit),
-
im Bett nicht essen, lesen oder fernsehen (Konditionierung: liegen = schlafen),
-
nach 15 Minuten Schlaflosigkeit aufstehen und etwas Fades arbeiten,
-
bei weiterer Einschlafstörung wiederum nach 15 Minuten aufstehen,
-
Anwendung des autogenen Trainings oder von Atemübungen,
-
Verzicht auf Schlaf während des Tages trotz Müdigkeit,
-
ein ausgedehnter Spaziergang 4-5 Stunden vor dem Schlafengehen,
-
gute Durchlüftung des Schlafzimmers und Temperatur nicht höher als 16 Grad,
-
kein Alkoholkonsum (erleichtert zwar das Einschlafen, stört dann aber den Schlaf),
-
möglichst keine Benzodiazepinschlafmittel (Tranquilizer verändern die
Schlafarchitektur und bewirken langfristig erst recht eine schwere
Schlafstörung).
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Autor: Dr.Hans Morschitzky
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