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Überblick über das Vegetative Nervensystem |
Das vegetative Nervensystem regelt den inneren Betrieb des Körpers,
hält alle lebenswichtigen Organtätigkeiten aufrecht und passt den
Körper an
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Wer nicht handelt, dem wird auch der Himmel nicht helfen.
(Sokrates)
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Das
vegetative Nervensystem regelt den inneren Betrieb des Körpers, hält
alle lebenswichtigen Organtätigkeiten aufrecht und passt den Körper an
wechselnde Umweltbedingungen an. Es steuert Kreislauf, Atmung,
Stoffwechsel, Ernährung, Eingeweide, Verdauung, Drüsentätigkeit,
Temperatur, Ausscheidung, Aktivität, Schlaf, Wachstum, Reifung und
Fortpflanzung.Das vegetative Nervensystem besteht aus zwei Teilen, die
gegensätzliche Funktionen haben und durch ihr Zusammenspiel das
vegetative Gleichgewicht des Körpers (Homöostase) aufrechterhalten:
1. sympathisches Nervensystem: für Aktivität und Leistung;
2. parasympathisches Nervensystem: für Erholung, Entspannung und Energieaufbau.
Sympathikus und Parasympathikus im Überblick
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Körperbereich |
Sympathikus
- Aktivierung |
Parasympathikus
- Beruhigung |
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Herz |
Steigerung
des Herzschlags,
Kraftsteigerung,
Erweiterung
der Herzkranzgefäße |
Verlangsamung
des Herzschlags,
Verengung
der Herzkranzgefäße |
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Blutgefäße
der arbeitenden Muskulatur |
Erweiterung |
Verengung |
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Blutgefäße
der Haut |
Verengung |
Erweiterung
(Erschlaffung) |
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Blutdruck |
Steigerung
durch Beschleunigung der Herztätigkeit und Verengung der
Blutgefäße der Haut |
Reduzierung
durch verringerte Herztätigkeit und Erweiterung der
Blutgefäße der Haut |
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Gerinnungsfähigkeit
des
Blutes |
Erhöhung,
um eventuelle Wunden
zu
schließen |
Abschwächung,
d.h. Verdünnung |
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Stoffwechsel |
Steigerung,
Energieabbau |
Reduzierung,
Energieeinsparung |
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Bronchien
(Lunge) |
Erweiterung |
Verengung,
Schleimproduktion |
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Magen/Darm |
Hemmung
der Verdauungsfunktionen, Hemmung der Produktion von
Verdauungssäften
bzw. Schleim,
Anspannung
der glatten Muskulatur,
Gefäßverengung,
Hemmung
der Defäkation |
Förderung
der Verdauungsfunktionen, Anregung der Produktion von
Verdauungssäften
bzw. Schleim,
Entspannung
der glatten Muskulatur,
Gefäßerweiterung,
Anregung
der Defäkation |
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Bauchspeicheldrüse |
Hemmung
der Insulinproduktion |
Förderung
der Insulinproduktion |
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Schweißdrüsen |
wenig
klebriger Schweiß |
viel
dünnflüssiger Schweiß |
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Speicheldrüsen |
Hemmung
des Speichelflusses
(zähflüssiger
Speichel) |
Verstärkung
des Speichelflusses (dünnflüssiger Speichel) |
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Harnblase |
Hemmung
des Zusammenziehens der Harnblase (Harnverhalten) |
Zusammenziehen
der Harnblase (Harnentleerung) |
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Genitalien |
Hemmung
der Durchblutung der
Genitalien
(Gefäßverengung),
Ejakulation |
Förderung
der Sekretion,
Stimulierung
der Durchblutung der Genitalien (Gefäßerweiterung),
Erektion |
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Auge |
Pupillenerweiterung,
Lidspaltenerweiterung |
Pupillenverengung,
Akkomodation,
Lidspaltenverengung |
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Tränendrüsen |
geringe
Sekretion |
starke
Sekretion |
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Gehirn |
Bewusstseinsaufhellung |
Bewusstseinsminderung |
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Die Organe des vegetativen Nervensystems verfügen über eine glatte
Muskulatur, die vom Willen nicht steuerbar ist, weshalb man auch vom
"autonomen" oder "unwillkürlichen" Nervensystem spricht. Emotionale
Zustände (Freude, Ärger, Wut, Leid, Trauer, Angst) bewirken
Veränderungen des vegetativen Nervensystems.
Die Informationsweiterleitung im sympathischen und parasympathischen
Nervensystem erfolgt über zwei verschiedene Arten von Nervenbahnen:
1. Afferente Bahnen.
Weiterleitung der Informationen von der Peripherie in die
übergeordneten Zentren (Zentralnervensystem: Gehirn und Rückenmark).
Die afferente Erregungsleitung erfolgt über eine einzige Nervenzelle.
2. Efferente Bahnen.
Weiterleitung der Informationen von den übergeordneten
Steuerungszentren zu den Muskel- und Drüsenzellen. Für die efferente
Erregungsleitung sind zwei Nervenzellen erforderlich. Die Umschaltung
von der ersten auf die zweite Nervenzelle erfolgt in sog. Ganglien.
Ganglien sind Nervenzellansammlungen bzw. Nervengeflechte außerhalb des
Zentralnervensystems, die aus den Nervenzellkörpern der zweiten
efferenten Nervenzellen bestehen. Das Neuron nach den Ganglien wird
auch postganglionäres Neuron genannt. Das erste efferente Neuron, d.h.
die Nervenzelle vor den Ganglien, dessen Zellkörper innerhalb des
Zentralnervensystems in sog. vegetativen Kernen liegen, wird auch
präganglionäres Neuron genannt. Die sympathischen Ganglien liegen in
der Nähe der Wirbelsäule, die parasympathischen Ganglien meistens in
der Nähe der Erfolgsorgane.
Die
Informationsweiterleitung von der präganglionären auf die
postganglionäre Nervenzelle erfolgt im sympathischen und im
parasympathischen Nervensystem durch den Transmitterstoff Acetylcholin.
Die erste, präganglionäre Nervenzelle wird daher auch cholinerg genannt.
Das zweite, postganglionäre Neuron, das direkt auf die Muskel- bzw.
Drüsenzelle des Erfolgsorgans einwirkt, weist zwei
Transmittersubstanzen auf:
- Noradrenalin
in den sympathischen Nervenfasern, weshalb die postganglionären Fasern
des sympathischen Nervensystems auch adrenerg genannt werden.
- Acetylcholin
in den parasympathischen Nervenfasern, weshalb die postganglionären
Fasern des parasympathischen Nervensystems auch cholinerg genannt
werden.
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Die entscheidende Transmittersubstanz des sympathischen Nervensystems
ist das Katecholamin Noradrenalin, das in den Endigungen der
postganglionären Neurone synthetisiert, in Vesikeln (Bläschen)
gespeichert und bei Bedarf freigesetzt wird.
Die Entfernung aus der Synapse geschieht durch Wiederaufnahme und durch
enzymatische Inaktivierung mittels der Monoaminooxidase (MAO) und der
Catechol-O-Methyl-Transferase (COMT).
Das sympathische Nervensystem weist Alpha- und Beta-Rezeptoren in zwei
verschiedenen Ausprägungen auf, die jeweils unterschiedliche
physiologische Wirkungen haben.
Die prä- und postganglionäre Transmittersubstanz des parasympathischen
Nervensystems ist der Überträgerstoff Acetylcholin, der auch für die
Informationsübertragung an den motorischen Endplatten der willkürlich
innervierten quergestreiften Skelettmuskulatur verantwortlich ist.
Periphere adrenerge und cholinerge Erregungsübertragung
| Adrenerge
Wirkungen |
|
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Rezeptor |
Ort |
Effekte
von Agonisten |
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alpha1 |
Gefäße,
Uterus,
Schließmuskeln
(Blase, Darm),
Lunge
(Bronchiolen),
Magen-
und Darmdrüsen |
Kontraktion,
Hemmung
der Sekretion |
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alpha2 |
Gefäße,
Niere
(Reninfreisetzung),
Leber
(Lipolyse - Fettabbau),
Bauchspeicheldrüse
(Insulinfreisetzung) |
Kontraktion
(der Gefäße),
Hemmung
der Organfunktion |
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beta1 |
Herz
Niere
(Reninfreisetzung) |
Steigerung
von Frequenz,
Überleitung
und Kontraktilität
Steigerung
der Sekretion |
|
beta2 |
Gefäße,
Uterus,
Schließmuskeln
(Blase, Darm), Lunge (Bronchiolen),
Bauchspeicheldrüse
(Insulinfreisetzung) |
Erschlaffung,
Steigerung
der Sekretion |
| Cholinerge
Wirkungen |
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Rezeptor |
Ort |
Effekte
von Agonisten |
|
Nikotinrezeptor |
Skelettmuskulatur
vegetative
Ganglien |
Relaxation
Erregung,
Förderung der
Transmission |
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Muskarinrezeptor |
Herz
glatte
Muskulatur
Drüsen |
Abnahme
von Frequenz,
Kontraktionskraft
und Leitungsgeschwindigkeit
Kontraktion
Sekretionssteigerung |
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Medikamente wirken auf das vegetative Nervensystem in Form der
Beeinflussung der synaptischen Erregungsübertragung ein, wobei es zwei
Ansatzmöglichkeiten gibt:
- Einwirkung
in den Ganglien, d.h. bei der Umschaltung von der ersten auf die zweite
Nervenzelle. Medikamente, die hier ansetzen, d.h. bei der cholinergen
Erregungsübertragung, beeinflussen gleichzeitig Sympathikus und
Parasympathikus.
- Einwirkung
bei der Informationsübertragung vom zweiten, postganglionären Neuron
auf das jeweilige Erfolgsorgan. Medikamente, die hier eingreifen,
wirken spezifischer, d.h. sie beeinflussen nur die adrenerge
Übertragung des sympathischen Nervensystems oder die cholinerge
Übertragung des parasympathischen Nervensystems. Im parasympathischen
Nervensystem dient zwar an beiden Umschaltungsstellen des efferenten
Neurons der Transmitter Acetylcholin als Überträgersubstanz, es sind
jedoch jeweils andere Rezeptorsysteme vorhanden. Die ganglionären
Acetylcholin-Rezeptoren sind so genannte Nikotinrezeptoren, die
postganglionären Acetylcholinrezeptoren sind so genannte
Muskarinrezeptoren.
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Das sympathische Nervensystem - Körperliche Aktivierung
Jeder Stressor bzw. angstmachende Reiz führt zuerst zu einer
unspezifischen Aktivierung der Grohirnrinde (Kortex) und des limbischen
Systems im Zwischenhirn, die eine Stimulierung des zentralen und
peripheren noradrenergen Systems bewirken ("arousal reaction").
Das sympathische Nervensystem ist ein aktivierendes System, das Energie
freisetzt (abbaut) und den Körper auf Handlungen und kurzfristige
Höchstleistungen vorbereitet (ausgelöst durch die Hormone Adrenalin,
Noradrenalin, Kortisol).
Stress, Aufregung und Angst (besonders Panikattacken) führen zu einer
Adrenalinausschüttung mit massiver Körpersymptomatik (Herzrasen,
Schwitzen, Atembeschleunigung, Muskelanspannung u.a.). Bei chronischem
Stress kann der Adrenalinspiegel bis zum 10-fachen erhöht sein. Angst
ist unmöglich ohne körperliche Erregung, körperliche Erregung ist
jedoch möglich ohne Angst. Auch Wut und Freude führen zu einer
Aktivierung des Sympathikus.
Das sympathische Nervensystem hat folgende Aufgaben:
- Steigerung des Herzschlags, Erweiterung der Herzkranzgefäße,
- Steigerung des Blutdrucks durch Beschleunigung der Herztätigkeit und Verengung der Blutgefäße der Haut,
- Erweiterung der Blutgefäße der arbeitenden Muskulatur,
- Verengung der Blutgefäße der Haut und der inneren Organe,
- Steigerung der Schweißdurchlässigkeit der Haut (der Hautwiderstand sinkt ab),
- Anspannung der Skelettmuskulatur als Vorbereitung auf körperliche Aktivität,
- Erhöhung der Gerinnungsfähigkeit des Blutes, um Wunden zu schließen,
- Beschleunigung des Stoffwechsels (Energieabbau),
- Erweiterung der Bronchien (Lunge),
- Hemmung der Verdauungsfunktionen, Anspannung der glatten Muskulatur von Magen und Darm, verstärkte Drüsentätigkeit,
- vermehrte Ausschüttung von Zucker und Fettsäuren,
- Hemmung der Insulinproduktion durch die Bauchspeicheldrüse,
- Absonderung von wenig klebrigem Schleim durch die Schweißdrüsen,
- Hemmung des Speichelflusses (Produktion von zähflüssigem Speichel),
- Hemmung der Ausscheidungsorgane (keine Darm- und Blasenentleerung),
- Hemmung der Durchblutung der Genitalien (Gefäßverengung), Ejakulation,
- Pupillenerweiterung, Abflachung der Augenlinsen.
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Der Hypothalamushinterteil im Zwischenhirn als oberste
Steuerungsinstanz des sympathischen Nervensystems setzt gleichzeitig
zwei Aktivierungsmechanismen in Gang:
1. Neuronale Aktivierung.
Über die Nervenbahn erfolgt die Ausschüttung der Nebennierenmarkhormone
Adrenalin und Noradrenalin, die eine kurzfristige maximale Aktivierung
durch Rückgriff auf gespeicherte Energiereserven bewirken.
2. Hormonelle Aktivierung.
Botenstoffe (Hormone), die über die Blutbahn zu bestimmten Organen und
Gewebeteilen transportiert werden, bewirken eine längerfristige
Mobilisierung des Körpers durch Aufbau und Preisgabe neuer Energien.
Neuronale Aktivierung (Hypothalamus-Nebennierenmark-System)
Der Hypothalamus im Zwischenhirn als oberste Steuerungsinstanz des
vegetativen Nervensystems stimuliert über eine Nervenbahn die
Sympathikuskerne im Rückenmark, von denen aus über nervöse
(elektrische) Impulse im Nebennierenmark die Ausschüttung eines
Hormongemisches von 80% Adrenalin und 20% Noradrenalin in die Blutbahn
bewirkt wird. Die Katecholaminausschüttung erfolgt wegen der neuronalen
Vermittlung sehr rasch und dient im Sinne einer Alarmreaktion einer nur
kurzfristigen Energiemobilisierung durch Rückgriff auf gespeicherte
Energiereserven des Körpers.
Adrenalin hat folgende Funktionen:
- Erhöhung
von Schlagkraft, -rate und -volumen des Herzens und damit Steigerung
des systolischen Blutdrucks (Druck auf die Gefäßwände),
- verstärkte
Durchblutung der Skelettmuskulatur als Vorbereitung auf Bewegung durch
Blutumverteilung (Blutabzug von Magen, Darm und Haut),
- verstärkte Atmung, um mehr Sauerstoff als Verbrennungsenergie zu haben,
- Mobilisierung
gespeicherter Energiereserven (Zucker, Fette), um mehr Brennstoffe für
die bevorstehende Muskeltätigkeit bereitzustellen,
- Erhöhung des Energiegrundumsatzes um ca. 30%,
- verstärkte Wärmeproduktion und Temperaturerhöhung als Folge des erhöhten Energieumsatzes,
- "zentral
erregende" Wirkung: erhöhte Erregung, Aufmerksamkeit und Konzentration
durch Stimulierung der Formatio reticularis im Hirnstamm und damit auch
der Großhirnrinde und des limbischen Systems.
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Wegen der zentral erregenden Wirkung gilt die Adrenalinerhöhung als
Anzeichen für psychische Belastung und Stress (z.B. vorweggenommene
Beanspruchung, Konflikte, Ängste, aber auch positive Gefühle wie
freudige Erregung). Adrenalin ist daher auch bei Flucht- und
Vermeidungsreaktionen gegenüber Noradrenalin überproportional erhöht.
Ein Adrenalinstoß führt zu einer erhöhten geistigen Wachheit, die bei
anhaltenden Angst- und Stresszuständen das Abschalten erschwert.
Angstbedingtes, abendliches Grübeln im Bett führt häufig zu
Einschlafstörungen, manchmal zu Panikattacken.
Eine Panikattacke entsteht durch eine plötzliche Adrenalinausschüttung,
die den Körper kurzfristig maximal aktiviert, eine exzessive
Kortisolausschüttung ist dagegen nicht gegeben. Eine vermehrte
Adrenalinfreisetzung kann nicht nur durch Angst, Aufregung und Stress
bewirkt werden, sondern auch durch Ärger, Wut und Aggression.
Noradrenalin hat folgende Funktionen:
- Erhöhung des diastolischen Blutdrucks durch Anspannung der glatten Muskulatur in den kleinen Arterien
(Arteriolen),
- Erweiterung der Bronchien (Luftröhrenverzweigungen in der Lunge),
- Förderung der Atemtiefe,
- Freisetzung von Blutfetten,
- Hemmung der Magen-Darm-Tätigkeit (um Energie zu sparen).
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Noradrenalin wirkt weder zentral erregend noch beschleunigt es den
Herzschlag oder erhöht es den Blutzuckerspiegel. Diese energiesparende
Anpassung ermöglicht einen sprunghaften Einsatz von energieliefernden
Prozessen bei Bedarf, z.B. bei plötzlicher körperlicher Anstrengung
oder bei sofort erforderlicher Kampfposition angesichts einer akuten
Bedrohung. Körperliche Belastung allein bewirkt eine gegenüber
Adrenalin überproportionale Noradrenalinerhöhung. Noradrenalin gilt
daher als Anzeichen für eine körperliche Belastung bzw. für eine
Kampfreaktion.
Die maximale Aktivierung des Sympathikus durch die Katecholamine
Adrenalin und Noradrenalin wird nach einigen Minuten infolge von
Gewöhnung an den Stressor (Habituation) gestoppt, so dass eine
Überbeanspruchung des Körpers verhindert wird. Dies erfolgt einerseits
durch Aktivierung des parasympathischen Nervensystems, andererseits
durch chemischen Abbau von Adrenalin und Noradrenalin, was jedoch
einige Zeit dauert, so dass man sich auch nach der Beseitigung der
Belastung oder Gefahr noch einige Zeit angespannt und erregt fühlt.
Hormonelle Aktivierung (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-System)
Schon während der Alarmreaktion regen die Katecholamine über den
Hypothalamus die Ausschüttung von Nebennierenrindenhormonen
(Kortikosteroide) an, und zwar von so genannten Glukokortikosteroiden
(Zuckerstoffwechselhormonen), die die Auffüllung der entleerten
Energiespeicher in Gang setzen. Etwa vier Stunden nach der
Alarmreaktion erreichen diese Hormone ihren höchsten Blutspiegel. Ziel
der Verschiebung von der neuronal bewirkten, raschen und kurzfristigen
Leistungsbereitschaft durch die Katecholamine Adrenalin und
Noradrenalin auf eine hormonell ausgelöste, längerfristige
Leistungsbereitschaft durch Nebennierenrinden- und Schilddrüsenhormone
ist es, den Körper durch Aufbau und Preisgabe neuer Reserven leistungs-
und widerstandsfähiger zu machen, ohne ihn dabei so überzuaktivieren,
wie dies durch Adrenalin geschieht. Diese Reaktionsmechanismen
benötigen wegen der hormonellen Informationsübermittlung über die
Blutbahn etwas länger bis zur vollen Wirksamkeit, wirken dafür jedoch
langfristiger.
Der Hypothalamus gibt infolge neuronaler Impulse aus höheren
Gehirnzentren über die Blutbahn hormonfreisetzende Hormone ab, die die
Hypophyse stimulieren, die als oberste Steuerungsinstanz aller
hormonellen Prozesse gilt.
Der Hypophysenvorderlappen setzt daraufhin bestimmte Hormone frei, die in den untergeordneten Drüsen die
Ausschüttung bestimmter Endhormone bewirken:
- Das adrenokortikotrope Hormon (ACTH) bewirkt in der Nebennierenrinde die Ausschüttung der Glukokortikosteroide
- Kortison (Hydrokortison) und Kortisol, welche vor allem der Zuckerneubildung dienen.
- Das
thyreotrope (schilddrüsenstimulierende) Hormon bewirkt in der
Schilddrüse die Ausschüttung von Schilddrüsenhormonen, besonders von
Trijodthyronin (T3) und von Thyroxin (T4) zur
Stoffwechselbeschleunigung.
- Das somatotrope Hormon (Wachstumshormon) bewirkt über Wachstumsfaktoren der Leber ebenfalls eine Stoffwechselerhöhung.
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Die Glukokortikosteroide (besonders Kortisol) haben folgende Funktionen:
- Erhöhung
des Blutzuckerspiegels durch Umbau von Eiweiß in Zucker, d.h. es
erfolgt eine Zuckerneubildung und damit der Aufbau neuer Energiestoffe
(Adrenalin dagegen mobilisiert nur vorhandenen Zucker).
- Steigerung der Herzleistung und Blutgefäßverengung der Haut (Verstärkung der
Katecholamineffekte).
- Blutdruckerhöhung
durch verstärkte Herzleistung, Blutgefäßverengung der Haut und Erhöhung
der Salzkonzentration im Blut, wodurch die Wasserausscheidung der Niere
gehemmt und die Blutmenge erhöht wird.
- Erhöhung
der Blutgerinnung durch vermehrte Bildung von Gerinnungsfaktoren, um
bei Verletzungen einen größeren Blutverlust zu vermeiden.
- Erhöhung der Magensaftproduktion und Appetitsteigerung.
- Psychische
Stimulierung und Aktivierung: Stimmungsverbesserung, die von einem
Gefühl des Wohlbefindens bis zu übermäßiger Euphorie reichen kann.
- Entzündungshemmende
Wirkung: Schwächung des Immunsystems und der Krankheitsabwehr durch
Hemmung der Bildung von Antikörpern (Immunglobuline) und der
Verminderung der Lymphfunktionen. Um alle Energien auf die Bewältigung
des anhaltenden Stresszustandes konzentrieren zu können, wird
vorübergehend die Neubildung von Eiweiß und damit auch die
Antikörperbildung gegenüber körperfremdem und somit bedrohlichem Eiweiß
ebenso gehemmt wie die Produktion von weißen Blutzellen (Leukozyten),
vor allem von Lymphzellen und Granulozyten, die die wichtigsten Träger
der Immunabwehr sind. Bei chronischem Stress hat der Körper daher nur
unzureichende Mittel zur Abwehr neuer Belastungen (z.B. Infektionen)
zur Verfügung, so dass er anfälliger für Krankheiten ist.
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Eine erhöhte Kortisolausschüttung ist die normale Reaktion auf Stress.
Anormal hohe Kortisolkonzentrationen bei chronischem Stress können zu
Bluthochdruck und Stresszucker führen. Zahlreiche Untersuchungen bei
Tieren und Menschen zur Thematik der gelernten Hilflosigkeit konnten
zeigen, dass unkontrollierbar und unvorhersagbar unangenehme Reize bzw.
Situationen zu einer massiven Kortisolausschüttung führen (leicht
nachweisbar durch den Kortisolspiegel im Blut).
Früher wurde davon ausgegangen, dass eine stressinduzierte
Hypersekretion von Kortisol das Immunsystem schwächt und für
Infektionskrankheiten, Krebs oder Autoimmunkrankheiten anfälliger
macht. Neuerdings wird angenommen, dass Kortisol eine protektive
Wirkung besitzt, indem eines stressinduzierte Immunaktivierung
abgebremst wird, um schädigende Effekte zu vermeiden. Der Zusammenhang
zwischen einem Zuviel bzw. Zuwenig an Glukokortikoiden und der Störung
der Immunfunktionen ist noch nicht eindeutig geklärt.
Die Schilddrüsenhormone, insbesondere T3 (Trijodthyronin), bewirken
eine raschere Sauerstoffaufnahme in den Zellen, so dass mehr
Verbrennungsenergie zur Verfügung steht und die Stoffwechselprozesse
dadurch beschleunigt werden. Als Folge davon wird die Wärmeproduktion
vermehrt.
Chronischer Stress bewirkt eine Drosselung der Produktion der
Geschlechtshormone und damit eine Reduktion des sexuellen Verlangens,
bei Frauen zusätzlich oft ein Aussetzen der Menstruationsblutung, bei
Männern eine geringere Samenproduktion.
Das parasympathische Nervensystem - Körperliche Beruhigung und Erholung
Das parasympathische Nervensystem ist ein wiederherstellendes System,
das den Körper zurück in den Normalzustand versetzt und der Ruhe,
Erholung und Schaffung neuer Energien dient. Im Gegensatz zum
sympathischen Nervensystem reagiert das parasympathische Nervensystem
nicht als Ganzes, sondern aktiviert nur diejenigen Funktionen, die zu
einem bestimmten Zeitpunkt notwendig sind. Ein Teil der
parasympathischen Nervenfasern läuft im Vagus (10. Hirnnerv) mit, so
dass man vereinfachend auch von vagotoner Aktivierung spricht.
Alle Entspannungstechniken (autogenes Training, progressive
Muskelentspannung, Atemtechniken, Meditation, Selbsthypnose, Yoga,
Biofeedback) unterstützen die Aktivität des parasympathischen
Nervensystems.
Beruhigungsmittel dienen demselben Ziel, machen bei Dauergebrauch jedoch abhängig.
Das parasympathische Nervensystem hat folgende Funktionen:
- Verlangsamung des Herzschlags, Verengung der Herzkranzgefäße,
- Reduzierung des Blutdrucks durch verringerte Herztätigkeit und Erweiterung der Blutgefäße der Haut,
- Verengung der Blutgefäße der arbeitenden Muskulatur,
- Erweiterung der Blutgefäße der Haut und der inneren Organe (mehr Durchblutung),
- Erschlaffung der Skelettmuskulatur und dadurch eintretende Entspannung,
- Verminderte Gerinnungsfähigkeit des Blutes, d.h. Blutverdünnung,
- Reduzierung des Stoffwechsels (Energieeinsparung und Energieaufbau),
- Verengung der Bronchien (Lunge),
- Förderung der Verdauungsfunktionen, Entspannung der glatten Muskulatur von Magen und Darm, reduzierte Drüsentätigkeit,
- Verminderte Ausschüttung von Zucker und Fettsäuren,
- Förderung der Insulinproduktion durch die Bauchspeicheldrüse,
- Absonderung von viel dünnflüssigem Schweiß durch die Schweißdrüsen,
- Verstärkung des Speichelflusses (dünnflüssiger Speichel),
- Aktivierung der Ausscheidungsorgane (Darm- und Blasenentleerung),
- Stimulierung der Durchblutung der Genitalien (Gefäßerweiterung), Erektion,
- Pupillenverengung, Krümmung der Augenlinsen, Tränenausscheidung.
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Psychovegetative Störungen (funktionelle Störungen, die keine
Gewebeveränderungen bewirken) zeigen sich kaum in einer isolierten
Erregung des gesamten Sympathikus bzw. Parasympathikus, sondern in
einer Kombination aus Symptomen beider Nervensysteme. Besonders bei
extremen Erregungs- und Panikzuständen bewirken die gleichzeitige
Erregung von Sympathikus und Parasympathikus Symptome wie z.B.
Herzrasen und Durchfall bzw. Harndrang. Die meisten funktionellen
Störungen sind Ausdruck dafür, dass Energie für eine körperliche
Leistung bereitgestellt wird, diese aber nicht abgerufen wird (weil sie
gar nicht benötigt wird), so dass ein Spannungszustand bestehen bleibt.
Viele Stresszustände (z.B. Ängste) spielen sich im Kopf ab, ohne dass
eine massive körperliche Aktivität erforderlich wäre.
Unterschiedliche biologische Reaktionsbereitschaft der Menschen
Bei seelischen und körperlichen Belastungen erfolgt in Abhängigkeit von
Anlage (Konstitution) und Lernerfahrungen eine individuell sehr
unterschiedliche vegetative Reaktionsbereitschaft. Etwas vereinfacht
kann man zwei Typen unterscheiden:
Kampf- und Fluchttypen (Sympathikotoniker)
Schrecktypen (Vagotoniker).
Beide Typen können nicht allein durch psychologische Faktoren erklärt
werden, sondern drücken unterschiedliche konstitutionelle Bedingungen
aus. Die jeweiligen Anlagefaktoren werden jedoch durch bestimmte
Erziehungs- und Milieufaktoren verstärkt und sind innerhalb gewisser
Grenzen auch veränderbar.
Sympathikotoniker (Kampf-Flucht-Typen)
Sympathikotoniker neigen bei Angst, Aufregung und Stress zu
sympathischer Überaktivierung: vermehrte Herz- und Atemtätigkeit,
Blutdruckanstieg, Muskelanspannung, Heiß-Werden, abnehmender Appetit,
Verstopfung. Sie zeigen eine Überanspannung, ein ständiges
"Auf-dem-Sprung-Sein", eine große innere Unruhe, eine leichte
Gereiztheit bis zur Aggressivität, eine große Hektik in allen
Bewegungen, eine überschnelle Kampf- und Leistungsbereitschaft, eine
ständige Überaktivität ohne Entspannung.
Sympathikotoniker neigen im Krankheitsfall zu Störungen des Gefäß-,
Herz- und Kreislaufsystems: Bluthochdruck, Kreislaufstörungen,
Herzkranzgefäßerkrankungen (Angina pectoris und Herzinfarkt). Ein
"Kampftyp" mit ständiger Anspannung und Ausrichtung auf
Höchstleistungen wird durch bestimmte Risikoverhaltensweisen (z.B.
Rauchen) zusätzlich fixiert.
"Nervosität" ist eine starke Aktivierung des Sympathikus. Der Körper
ist bereits auf hohe körperliche und geistige Leistung eingestellt,
ohne diese jedoch schon zu erbringen (z.B. Aufregung wegen
bevorstehender Prüfung oder Unternehmung). Es besteht eine große
Anspannung, die nicht durch erholsame Ruhe abgelöst werden kann, weil
man sich bewusst und unbewusst ständig mit der bevorstehenden Belastung
beschäftigt. Nicht bewältigbare Erwartungsängste führen zu chronischer
Anspannung, wie diese für Angstpatienten typisch ist. In harmloser Form
zeigt sich eine deutliche Nervosität oft auch bei bevorstehenden
positiven Ereignissen (z.B. Urlaub oder Hochzeit).
Vagotoniker (Schrecktypen)
Vagotoniker neigen bei Angst, Aufregung und Stress zu parasympathischer
Überaktivierung: Abfall von Herz- und Atemtätigkeit, Blutdruckabfall,
Schwindel, Benommenheit, Ohnmachtsneigung, Atemnot durch Zusammenziehen
der Bronchien, Schwitzen, Kälteempfindung, Nachlassen der
Muskelspannung ("weiche Knie"), Schwächegefühl, Übelkeit/Brechreiz
durch Verkrampfung der Magen- und Darmmuskulatur, Harn- oder
Stuhldrang, Erröten, Weinen.
Vagotoniker bleiben in der Schock-/Schreckreaktion wie gelähmt, eben
geschockt, stecken und gelangen nicht zu Widerstand und aktiver
Auseinandersetzung mit dem Stressor. Das psychische Ohnmachtserleben
zeigt sich körperlich in ständiger Benommenheit, Schwindelgefühlen und
Ohnmachtsneigung. Die vagotone Befindlichkeit drückt entweder eine
starke Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit als Folge einer
Schreckbereitschaft bzw. Schockreaktion aus oder eine Erschöpfung nach
übermäßiger Anspannung.
Der "Schrecktyp" wird vor allem gefördert durch eine Lebensgeschichte,
in der Ohnmachtserleben und Hilflosigkeitsgefühle dominieren, wo von
der eigenen Aktivität keine Problemlösung erwartet wird, so dass man
sich den Umweltbedingungen wehrlos ausgeliefert fühlt. Diese
Reaktionsbereitschaft wurde bei vielen Frauen durch das traditionelle
weibliche Rollenklischee wesentlich verstärkt. Eine Frau, die ständig
zu Hilflosigkeitsreaktionen neigt, wird auch durch einen Mann
verstärkt, der ihre Hilflosigkeit und Abhängigkeit als besonders
weiblich schätzt bzw. von seiner Persönlichkeit her eine derartige Frau
wünscht.
Vagotoniker neigen im Krankheitsfall zu übermäßig niedrigem Blutdruck
mit zahlreichen Folgesymptomen (z.B. Kollapsneigung),
Magen-Darm-Beschwerden (chronische Verstopfung, Gastritis,
Magenentzündungen, Magengeschwüre, Zwölffingerdarmgeschwüre),
Blasenerkrankungen, Bronchialasthma, asthenisch-depressiven Zuständen.
Die Unterscheidung zwischen Sympathikotonikern (Kampf-Flucht-Typen) und
Vagotonikern (Schrecktypen) erlaubt bereits unabhängig von konkreten
Situationen die Vorhersage der körperlichen Reaktionsweise bestimmter
Menschen in Angstsituationen:
- Sympathikotoniker
werden durch die übermäßig schnelle psychovegetative Kampf- oder
Fluchtbereitschaft eher über Herzrasen, Druck auf der Brust, starke
muskuläre Verspannungszustände und Atemprobleme (Hyperventilation als
Folge der Überaktivierung) klagen.
- Vagotoniker
werden eher über Schwindel, "weiche Knie", Übelkeit, Durchfallsneigung,
Blasendruck, kalte Hände und Füße klagen, verbunden mit der Angst,
umzufallen und ohnmächtig zu werden.
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Das biologische Reaktionsspektrum bei Furcht und Bedrohung
Bei Mensch und Tier sind in Furchtsituationen vier Reaktionsmuster
möglich, die je nach situativer Notwendigkeit, individueller
Reaktionsfähigkeit, Struktur des Organsystems, Temperament und
individueller Lerngeschichte variieren können:
- Flucht,
- Immobilität und Bewegungsstarre,
- Abwehr durch Aggression,
- Beschwichtigung durch Unterordnung.
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Das Fluchtverhalten ist charakterisiert durch eine schnelle motorische
Reaktion. Bereits bei der Vorstellung von Gefahr erfolgt eine massive
Aktivierung des sympathischen Nervensystems (Anstieg des
Herzzeitminutenvolumens, des arteriellen Blutdrucks, der
Muskeldurchblutung u.a.), um der Muskulatur den benötigten gesteigerten
Energiestoffwechsel gewährleisten und auf diese Weise die
Fluchtreaktion vorbereiten zu können. Das Muster einer starken
Fluchttendenz findet sich z.B. bei Tierphobikern bei der Konfrontation
mit den gefürchteten Tieren (oft schon vor dem Anblick des Tieres). Die
massive Furchtreaktion äußert sich in einer panikähnlichen Symptomatik.
Immobilität, Bewegungsstarre oder "Einfrieren der Bewegung" ist die der
Fluchtreaktion entgegengesetzte Reaktionsmöglichkeit. Sie kann in zwei
Formen auftreten:
- Aufmerksame
Immobilität. Der Organismus entwickelt eine Überaufmerksamkeit
(Hypervigilanz) und eine Überreaktion auf exterozeptive Reize (z.B.
Berührung).
- Tonische
Bewegungslosigkeit. Der Organismus ist steif vor Angst und reagiert
selbst bei intensiver und schmerzhafter Stimulation nicht mehr.
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Die Immobilitätsreaktion besteht in einer vagotonen Aktivierung, d.h.
in einer Steuerung durch das parasympathische Nervensystem
(Pupillenerweiterung, Abfall der Körpertemperatur, anfängliche
Beschleunigung mit anschließendem dramatischen Abfall der
Pulsfrequenz). Die biologische Sinnhaftigkeit der tonischen Immobilität
("Totstellreflex") besteht in einer Sicherung des Überlebens, wenn
Flucht oder Kampf aus offensichtlicher Unterlegenheit nicht möglich
oder sinnvoll erscheint. Viele Raubtiere greifen ihre Beute nur bei
Bewegung an und reagieren nicht auf bewegungslose Tiere.
Blut- und Injektionsphobiker zeigen eine vagotone
Reaktionsbereitschaft, wenn sie medizinischen Eingriffen nicht
ausweichen können oder dem Anblick von Blut ausgesetzt sind. Es tritt
ein zweiphasiges kardiovaskuläres Reaktionsmuster auf: nach
anfänglichem Anstieg von Blutdruck und Herzrate erfolgt ein starker
Blutdruckabfall bis hin zur vagovasalen Ohnmacht.
Aggressive Verhaltensweisen im Sinne einer Furchtabwehr durch
Aggression kommen zum Ausdruck als Drohgebärden in Form bestimmter
Körperhaltungen sowie (insbesondere bei Primaten) als drohendes
Fixieren des Gegenüber in Form heruntergezogener Augenbrauen,
geschlossenem Mund und zusammengepressten Lippen. Bei einer Aggression
als Abwehr von Bedrohung werden alle verfügbaren Mittel des jeweiligen
Organismus eingesetzt.
Beschwichtigung oder Unterordnung als Variante des Umgangs mit
Bedrohung wird besonders bei Bedrohung durch die eigenen Artgenossen
gezeigt. Hier werden Gesten der Unterlegenheit und Unterordnung
eingesetzt, um dem stärkeren Tier die Anerkennung seiner Überlegenheit
zu signalisieren. Diese untertänige Reaktionsweise ist bei vielen
Tieren (z.B. Wölfen, Hunden, Primaten) zu beobachten. Menschen mit
sozialer Phobie erleben Blickkontakt als recht bedrohlich und
signalisieren unbewusst durch ihr ständiges Wegschauen ihre
Unterlegenheit. Sie harren (ähnlich wie Agoraphobiker) in sozialen
Situationen bei einem generell erhöhten tonischen Erregungsniveau aus.
Das allgemeine Anpassungssyndrom
Bei jeder körperlichen oder seelischen Belastung kommt es zum Ablauf
folgender vegetativer Reaktionsphasen, die von Selye [54], dem
Begründer der Stressforschung, als "allgemeines Anpassungssyndrom"
(AAS) des Körpers an den Stressor beschrieben wurden:
- Alarmreaktion bei akutem Stress (durch eine Adrenalinausschüttung),
- Widerstandsstadium bei chronischem Stress,
- Erschöpfungsstadium bei unzureichender Stressbewältigung.
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Alarmreaktion
Jede akute körperliche oder seelische Belastung bewirkt eine
kurzfristige, maximale Aktivierung des vegetativen Nervensystems
("Alarmreaktion"). Bei akuter Angst wird extrem schnell das limbische
System (namentlich die Amygdala) aktiviert, das über eine
Katecholaminausschüttung eine massive körperliche Aktivierung bewirkt.
Bei der Alarmreaktion werden zwei Phasen unterschieden, die für Angst-
und Panikreaktionen von zentraler Bedeutung sind:
1. Schockphase,
2. Kampf- oder Fluchtphase.
Schockphase
Bei akuter Bedrohung erfolgt zuerst eine kurze Schockphase.
Umgangssprachlich nennt man diesen Zustand "Schrecksekunde". Das
vegetative Nervensystem schaltet einen Moment lang auf die vagotone
Spannungslage um, also eigentlich auf totale Entspannung. Die massive,
parasympathische Aktivität bewirkt eine kurzfristige
Reaktionsunfähigkeit, die dem Atemholen, Kräftesammeln und Abschätzen
der Gefahr dient.
Ein schwerer psychischer Schock führt zum Absacken von Herztätigkeit
und Blutdruck und damit zum Kreislaufabfall bzw. -versagen, der dadurch
entstehende Sauerstoffmangel bewirkt Ohnmacht.
Ein leichterer Schock (Schreckreaktion, "Schrecksekunde"), wie dieser
in der Regel bei akuter Angst und Bedrohung auftritt, zeigt sich in
parasympathisch gesteuerten Reaktionen, z.B. Kreislaufschwäche,
Schwindel, Ohnmachtsangst, Atemnot, Zuschnüren der Kehle,
Übelkeitsgefühlen, Harn- oder Stuhldrang, Durchfall, Magenkrämpfen,
Muskelschwäche ("weichen Knien"), Erröten, Tränenausscheidung,
Weinkrämpfen.
Die Schockphase ist (bzw. war in der Evolution) durchaus sinnvoll:
- Reduzierung der Angriffslust eines Feindes durch die Bewegungslosigkeit im Schock,
- Schutz vor Entdeckt werden durch Regungslosigkeit anstelle geräuschvoller Flucht,
- Sicherung des Überlebens bei massiven körperlichen Schäden durch Vorbeugung gegenüber Verblutung (Blutdruckabfall,
Hautgefäßverengung, Blutverdickung),
- Konzentration aller Sinne auf das umfassende Erkennen der Gefahr,
- kurzfristige Sammlung von Energien als Vorbereitung auf die Angriffsphase.
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Bestimmte Menschen, die eher zu einer parasympathisch (vagoton)
bestimmten Spannungslage neigen, bleiben in dieser
Schock-/Schreckreaktion stecken, d.h. es kommt nicht bzw. nicht so
rasch zur sympathisch dominierten Kampf- oder Fluchtphase im Sinne
einer aktiven Auseinandersetzung mit dem Stressor. Sie klagen daher in
Belastungs- bzw. Angstsituationen über anhaltende Zustände von
Schwindel, Ohnmachtsneigung, Atemnot, "weiche Knie", Harn- oder
Stuhldrang, Übelkeit, Magenkrämpfe, Wechsel von Verstopfung und
Durchfall ("Reizdarm").
Kampf- oder Fluchtphase
Nach der Schreckreaktion stellt sich der Körper in der Kampf- oder
Fluchtphase auf eine kurzfristige Höchstleistung ein. Man spricht von
einer "Bereitstellungsreaktion", die den sofortigen maximalen Einsatz
unseres ganzen Körpers bewirkt und Kampf oder Flucht zum Ziel hat. Es
erfolgt eine durch den Sympathikus (mittels "Adrenalinschub")
gesteuerte massive Aktivierung des Herz- und Kreislaufsystems und der
Atmung, eine Anspannung der Skelettmuskulatur u.a. Dabei werden
gleichzeitig alle momentan nicht benötigten Körpervorgänge gehemmt
(Appetit, Verdauung, sexuelle Reaktion, Immunabwehr u.a.), um
kurzfristig alle Energien auf die Bewältigung der aktuellen
Stresssituation konzentrieren zu können. Der Zeitablauf für diese
Mobilmachung beträgt etwa ½-1½ Minuten. Gleichzeitig entwickeln sich
anstelle der langsamen und gleichmäßigen Hirnwellen, wie sie in Ruhe
typisch sind, schnelle, unruhige und unregelmäßige Hirnwellen als
Zeichen der erhöhten Erregung und Aufmerksamkeit.
Die massive Aktivierung erfolgt durch zwei verschiedene Arten von Stresshormonen:
1. Nebennierenmarkhormone (die Katecholamine Adrenalin und
Noradrenalin) bewirken zuerst eine 3-4 Minuten dauernde massive
Aktivierung des Sympathikus.
2. Nebennierenrindenhormone (die Glukokortikosteroide Kortisol und
Kortison) ermöglichen - zeitlich etwas verzögert und länger wirksam -
die Bewältigung eines länger andauernden Stresszustands.
Herz und Kreislauf arbeiten auf Hochtouren, die Blutgefäße der Haut
verengen sich und der Blutdruck steigt. Die Ankurbelung des
Blutkreislaufs dient dem erhöhten Energietransport, um die Zellen des
Körpers rasch und ausreichend mit Sauerstoff, Nährstoffen und den
steuernden Botenstoffen (Hormonen) versorgen zu können. Die Atmung wird
schneller und tiefer, um möglichst viel Sauerstoff als
Verbrennungsenergie für den Körper aufnehmen zu können. Die
Skelettmuskulatur wird angespannt, um den Körper auf Kampf oder Flucht
vorzubereiten, so dass man sich "ständig auf dem Sprung" fühlt. Die im
Körper in Form von Zucker- und Fettreserven gespeicherte Energie wird
bereitgestellt und in den Blutkreislauf ausgeschüttet. Die erhöhte
Energiezufuhr an die Skelettmuskulatur wird durch eine Intensivierung
der Durchblutung erreicht, indem die Blutgefäße der Skelettmuskulatur
erweitert werden. Angesichts von akuten Gefahren ist auch eine maximale
geistige Aufmerksamkeit gegeben, so dass man sich hellwach erlebt, bis
hin zur unangenehmen Überwachheit (Hypervigilanz).
Alles, was im Moment nicht lebensnotwendig ist, wird ausgeschaltet. Zur
Mobilisierung vorhandener Reserven wird für den kurzen Zeitraum der
Alarmreaktion alles gehemmt, was einem längerfristigen Energieaufbau
dient:
- Hemmung des Appetits,
- Hemmung der Magen- und Darmtätigkeit,
- Hemmung der sexuellen Reaktionsfähigkeit,
- Hemmung
der Immunabwehr des Körpers, d.h. die Widerstandskraft gegen
Krankheitskeime (Infekte) nimmt ab, was auch auf Hochleistungssportler
zutrifft.
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Bei der Flucht- oder Kampfbereitschaft scheinen unterschiedliche
sympathische Aktivitäten gegeben zu sein. Beim Fluchtimpuls steht die
Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin im Vordergrund. Dieses bewirkt
eine Verengung der Blutgefäße, eine Freisetzung von Blutzucker, eine
Förderung der Blutgerinnung und eine (über)starke geistige Aktivierung.
Bei einer Kampfbereitschaft kommt es dagegen vorwiegend zur Produktion
von Noradrenalin, das den Herzschlag und den Blutdruck erhöht sowie
Blutfette freisetzt. Nach einigen Minuten lässt die Alarmwirkung nach,
es kommt zur Entspannung oder (bei Andauer der körperlichen oder
seelischen Belastung) zur Widerstandsphase (Anpassungsphase).
Alpha2-adrenerge und beta-adrenerge Rezeptoren sowie andere neuronale
Systeme (insbesondere über GABA) bewirken im Sinne eines
Feedbacksystems ein Abklingen der Reaktion und ein neues Gleichgewicht.
Die Begriffe "Kampf" und "Flucht" sind bei vielen Stresssituationen
nicht wörtlich zu nehmen. "Kampf" bezeichnet das Herangehen an die
angst- oder Stressauslösende Situation, den Versuch, das Problem aktiv
zu lösen, "Flucht" jede Art von Rückzug aus den belastenden
Situationen, auch Fluchtimpulse, nicht nur wirkliches Weglaufen.
Zum Verständnis, warum gerade die körperliche Leistung bei Stress im
Vordergrund steht, muss man bedenken, dass sich diese vegetative
Reaktion in Millionen von Jahren allmählich herausgebildet hat. Die
meiste Zeit lebten die Menschen unter Bedingungen, in denen körperliche
Leistungsfähigkeit (Kraft, Schnelligkeit) die entscheidende
Voraussetzung dafür war, in Stresssituationen zu überleben. Unsere
biologische Ausstattung stammt aus einer früheren Phase der Evolution,
wo Kampf oder Flucht die angemessensten Reaktionsweisen waren, um mit
Bedrohung fertig zu werden.
Derselbe körperliche Reaktionsmechanismus der Kampf- oder Fluchtphase
läuft auch dann ab, wenn Situationen nur als bedrohlich vorgestellt
werden, d.h. der Körper unterscheidet nicht zwischen realen und
vorgestellten Gefahren. Körperliche Mobilisierung bereits bei der
Vorstellung von Gefahren ist notwendig, um bei tatsächlicher Gefahr
rasch reaktionsbereit zu sein. Der Organismus reagiert somit bei
körperlichen und seelischen Belastungssituationen in gleicher Weise mit
einer Aktivierung des vegetativen Nervensystems. Bei psychischem Stress
ist die körperliche Mobilisierung meist zu stark, weil keine
entsprechende Aktivität (Kampf oder Flucht) erforderlich ist.
Die körperliche Aktivierung stellt vor allem dann eine Fehlsteuerung
dar, wenn vorschnell und unberechtigt Situationen als gefährlich
eingeschätzt werden. Es kommt zu einem körperlichen Anspannungszustand,
der mangels Bewegung bestehen bleibt, sowie zum Aufbau von Energie und
zur Beschleunigung von Stoffwechselvorgängen, was gar nicht
erforderlich ist.
Widerstandsphase (Anpassungsstadium)
Als Widerstandsphase bezeichnet man die Zeit, in der die Aktivierung
des Körpers andauert. Diese Zeitspanne hängt davon ab, wie lange die
belastende Situation weiterbesteht bzw. wie lange der Körper in der
Lage ist, die übermäßige Anspannung aufrecht zu erhalten. Um die vom
Sympathikus gesteuerte Mobilmachung des Körpers zu bremsen, setzt
einige Minuten nach Beginn des Alarmstadiums eine Gegenregulation über
den Parasympathikus ein.
Dadurch soll der Körper wieder in das Gleichgewicht gebracht werden. In
dieser Phase der Stressreaktion kann es zur übersteigerten Aktivierung
von Magen- und Darmtätigkeit kommen, verbunden mit Gefühlen von
Übelkeit, Erbrechen, Stuhl- und Harndrang.
Im Widerstandsstadium passt sich der Körper bei Bedarf an einen
längerdauernden bzw. chronischen Stressor durch Mobilisierung anderer
Abwehrkräfte an:
Nebennierenrindenhormone: die Zuckerstoffwechselhormone
(Glukokortikosteroide) Kortisol und Kortison dienen der
Zuckerherstellung.
Schilddrüsenhormone: Tri- und Tetrajodthyronin (Thyroxin) beschleunigen die Stoffwechselprozesse.
Es kommt (nach 4 Stunden) zur vollen Wirksamkeit der
Nebennierenrindenhormone, insbesondere des Glukokortikosteroids
Kortisol (Hydrokortison), das Aufbau und Preisgabe neuer Energien
ermöglicht. Dies geschieht durch Zuckerherstellung aus Eiweiß sowie
durch verstärkte Magensaftproduktion (Verdauungsförderung).
Gleichzeitig werden die Katecholamineffekte verstärkt (Herzleistung
erhöhende Adrenalinwirkung, allgemein gefäßverengende
Noradrenalinwirkung).
Unkontrollierbarer Stress führt zu einem langanhaltenden erhöhten
Glukokortikoidspiegel. Anhaltender, unbewältigbarer Stress bewirkt eine
"erlernte Hilflosigkeit", die das Tiermodell für Stresserkrankungen
darstellt. Die Entdeckung von Glukokortikoidrezeptoren im Gehirn weist
darauf hin, dass die Stressreaktion nicht nur vom Gehirn ausgeht,
sondern auch darauf zurückwirkt und degenerative sowie regenerative
Folgezustände auslöst. Bei Dauerstress erfolgt eine Degeneration
noradrenerger Axone und eine Verringerung der noradrenergen
Innervationsdichte im Kortex.
Neben der Ausschüttung von Glukokortikosteroiden kommt es bei längerer
Belastung auch zur vermehrten Freisetzung von Schilddrüsenhormonen, die
eine Steigerung der Sauerstoffaufnahme der Zellen und damit eine
Beschleunigung der Stoffwechselvorgänge bewirken. Insbesondere T3
(Trijodthyronin), das bereits nach Stunden seine Maximalwirkung
erreicht, bewirkt eine gesteigerte Verbrennung von Kohlehydraten
(Zucker und Stärke), Eiweiß und Fetten, eine Steigerung des
Grundumsatzes, eine Erhöhung des Zuckerabbaus bis zur Erschöpfung der
Reserven und damit einen Anstieg des Blutzuckers, eine Entleerung der
Fettdepots und einen Mangel an Eiweiß. Die anfallende Verbrennungswärme
wird durch Schwitzen und erhöhte Durchblutung der Hautgefäße an die
Umwelt abgegeben.
Als gefährlicher Nebeneffekt der Konzentration aller Energien auf die
Bewältigung eines Dauerstresses zeigt sich eine erhöhte Anfälligkeit
des Körpers für Krankheiten, da der Körper hierfür nur unzureichende
Abwehrreserven zur Verfügung hat.
Erschöpfungsphase
Nach der Bewältigung des Stresszustandes in der Widerstandsphase
erfolgt eine Umschaltung in die parasympathische (vagotone)
Spannungslage, die der Erholung dient. Bei unzureichender
Stressbewältigung arbeitet das sympathische Nervensystem weiter,
während gleichzeitig das parasympathische Nervensystem aktiviert wird.
Es kommt dadurch zu einer Störung in den normalerweise gut
koordinierten vegetativen Abläufen, zu einem Nebeneinander von
Anspannung und Schwäche. Erst nach einer Weile haben sich die einzelnen
Körperfunktionen wieder so eingespielt, dass man wirklich abschalten
und sich erholen kann.
Diese Störungen werden bei einmaligen oder seltenen Stresssituationen
verhältnismäßig leicht überwunden. Gelingt dies wegen des anhaltenden
physischen oder psychischen Stresszustandes nicht, bleibt das
Missverhältnis zwischen Aktivität und Entspannung auf Dauer bestehen,
was sich entweder mehr im Sinne einer übermäßigen Anspannung
(sympathikotone Richtung) oder in einem Schwächezustand (vagotone
Richtung) äußert.
Die Überforderung der einzelnen Organfunktionen bewirkt Befindensstörungen:
funktionelle ("somatoforme") Störungen (Funktionsstörungen ohne Gewebeveränderungen);
psychosomatische Krankheiten (Organstörungen mit Gewebeveränderungen).
Psychische Überlagerungen können bei vielen organischen Krankheiten
auftreten, so dass man gar nicht von einigen typischen
psychosomatischen Krankheiten (z.B. Bluthochdruck, Asthma, Magen-,
Darm-, Zwölffingerdarmgeschwür) sprechen kann. Andererseits können
primär körperliche Faktoren die psychische Befindlichkeit
beeinträchtigen.
Therapeutisch bedeutet die Wechselwirkung von körperlichen und
geistig-seelischen Vorgängen, dass zur Gesundung bei schweren Störungen
auf beiden Ebenen angesetzt werden muss.
Chronische Stress und Angstzustände beeinträchtigen die Heilungschancen
bei vielen Krankheiten (z.B. bei Krebs, Infektionskrankheiten). Bei
ständiger Überlastung ist die Immunabwehr so geschwächt, dass selbst
ein Schnupfen übermäßig lange anhält.
Eine allgemeine Erschöpfung wird heute auch "chronisches
Erschöpfungssyndrom" genannt. Das äußere Bild der Erschöpfung kann sehr
unterschiedlich ausschauen, z.B.
Bluthochdruck, erhöhter Blutfettspiegel, fraglicher Herzinfarkt,
"Nervenzusammenbruch", niedriger Blutdruck, Magenschleimhautentzündung,
chronische Kopfschmerzen, anfallsweises Herzrasen, ständige Müdigkeit.
Es gibt einige Störungen, die bei fast allen Erschöpfungszuständen
auftreten: Schlafstörungen, Einschränkung der Konzentrations- und
Leistungsfähigkeit, Nervosität. Die Überforderung und Erschöpfung zeigt
sich immer an dem Organ oder Organsystem, das am wenigsten belastbar
ist.
Die organische Schwäche kann anlagemäßig vorhanden sein oder nur im
Moment bestehen. Jemand mit einer erblichen Veranlagung zu erhöhter
Magensäureproduktion wird bei dauerndem Stress wahrscheinlich am
ehesten an einer Magenschleimhautentzündung oder sogar einem
Magengeschwür erkranken. Wer sich wenig bewegt, wird bei Belastungen
vielleicht mit Rückenschmerzen reagieren.
Das "schwächste Glied in der Kette", das Organ, an dem sich die
Erschöpfungs- und Krankheitszeichen zuerst zeigen, kann auch durch
bestimmte Risikoverhaltensweisen vorgeschädigt sein. Nikotin-, Alkohol-
und Medikamentenmissbrauch können die Grundlage für eine
Magenschleimhautentzündung sein, das Rauchen die Grundlage für eine
chronische Bronchitis oder Kreislaufstörung, falsche Ernährung für
Stoffwechselstörungen usw.
Körperliche Reaktionsabläufe bei Panikattacken
Angst, Aufregung und Stress bewirken bestimmte biologisch sinnvolle
vegetative Reaktionen, im negativen Fall bestimmte belastende
Fehlregulierungen. Jede unnötige Adrenalinausschüttung führt zu
psychovegetativen Beschwerden. Alles, was zu einem drastischen Anstieg
des Adrenalinspiegels im Blut führt, kann eine Panikattacke auslösen.
Die Alarmierung des Körpers kann dabei durch körperliche und/oder
seelische Stressoren bewirkt werden.
Panikattacken können auch nach einer starken körperlichen oder
seelischen Belastung auftreten. War der Adrenalinspiegel aufgrund von
starkem Stress über einen längeren Zeitraum erhöht, sinkt er mit
nachlassender Belastung nicht sofort auf das Normalmaß zurück, sondern
wird oft über eine Panikattacke abgebaut. Dies erklärt das häufige
Auftreten von Panikattacken gerade in Phasen beginnender Ruhe, d.h.
wenn man sich eben in den Sessel gesetzt oder in das Bett gelegt hat.
Der Umstand, dass man die ungewohnten körperlichen Reaktionen in einem
Ruhezustand nicht zu erklären vermag, und die einsetzende ängstliche
Beobachtung des Körpers, die einem mangels anderer Tätigkeiten möglich
ist, führen zu Beunruhigung und Angst und damit zu einer Verstärkung
der körperlichen Symptome. Panikattacken können sogar im Schlaf
auftreten, und zwar ebenfalls dann, wenn die chronische Verspannung,
die man bis in den Schlaf hinein mitgenommen hat, endlich aufhört.
Symptome der Schockreaktion
Die anfänglichen Schock- und Schrecksymptome bei einer Panikattacke
werden durch das parasympathische Nervensystem erzeugt:
- Kreislaufschwäche,
Schwindel und Ohnmachtsneigung entstehen durch den Blutdruckabfall
infolge der verringerten Herztätigkeit und/oder der Erweiterung der
Blutgefäße der Haut. Der Blutdruckabfall bewirkt Schwindel als Zeichen
einer Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff ("Mir ist so
schwindlig", "Ich werde gleich ohnmächtig", "Gleich liege ich hilflos
oder bewusstlos auf dem Boden, und die anderen holen die Rettung").
- Atemnot
ist bedingt durch die Verengung der Luftröhre, die Verkrampfung der
Bronchiolen (kleine Luftröhrenverästelungen in der Lunge) und/oder das
Zuschnüren der Kehle (Knödelgefühl im Hals), das auf einem
Zusammenziehen der obersten Speiseröhrenmuskulatur beruht. In der
Schrecksekunde hält man die Luft an ("Mir verschlägt es den Atem", "Mir
schnürt es die Kehle zu", "Ich ersticke").
- Übelkeit
oder Brechreiz wird bewirkt durch die Verkrampfung der Magenmuskulatur
("Mir ist speiübel", "Gleich muss ich erbrechen").
- Harn-
oder Stuhldrang ergeben sich aus der Aktivierung der
Ausscheidungsorgane. Durchfall entsteht aus der übermäßigen
Verkrampfung des Dickdarms ("Gleich mache ich in die Hose", "Ich muss
sofort aufs Klo", "Ich muss schon wieder auf die Toilette, obwohl ich
erst vorhin war").
- Weinen stellt eine spezifisch menschliche Form einer Schreckreaktion dar.
- "Weiche
Knie" beruhen auf der Erschlaffung der Skelettmuskulatur. Der Abfall
des Muskeltonus führt oft zur Angst, bald umzufallen ("Meine Knie
werden ganz weich", "Gleich sinke ich zu Boden", "Ich muss mich jetzt
unbedingt irgendwo anhalten, sonst falle ich um").
- Blockierung
des Denkens. Dies wird oft als Konzentrationsstörung sowie als Angst,
verrückt zu werden, erlebt ("Ich kann nicht klar denken", "Jetzt drehe
ich durch", "Gleich werde ich wahnsinnig und muss in die Psychiatrie").
Eine spätere, sympathisch gesteuerte Hyperventilation mit der Folge
einer Sauerstoffnot im Gehirn, das Gefühl des Kontrollverlusts sowie
das Erleben einer sog. Depersonalisation (Gefühl eines gestörten
Selbsterlebens) verstärken die Angst, verrückt zu werden.
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Symptome der körperlichen Mobilisierung
Die Symptome der Überaktivierung werden durch das sympathische
Nervensystem mittels einer Adrenalinausschüttung erzeugt:
- Herzklopfen,
Herzrasen und Herzstolpern wird bewirkt durch die plötzliche
Beschleunigung des Herzschlags und die Erhöhung der Pumpleistung des
Herzens. Sauerstoff und Nährstoffe, besonders Zucker, sollen rasch zu
den Skelettmuskeln transportiert werden, um den Körper auf Kampf oder
Flucht vorzubereiten. Das Blut wird dazu bis zu 5 mal schneller durch
den Körper gepumpt, um es besonders stark mit Sauerstoff und Zucker
anzureichern. Ein Adrenalinstoß kann die Herzfrequenz von einem Schlag
zum nächsten verdoppeln ("Mein Herz schlägt bis zum Hals", "Gleich
bekomme ich einen Herzinfarkt").
- Pulsierende
Kopfschmerzen, Ohrensausen, Flimmern vor den Augen oder Kribbeln in
Armen und Beinen entstehen durch die Steigerung des Blutdrucks als
Folge der erhöhten Herztätigkeit und der Verengung der kleinen
arteriellen Blutgefäße der Haut ( "Meine Ohren dröhnen", "Meine Hände
sind so kalt und feucht", "In meinen Händen und Beinen ist so ein
komisches Kribbeln", "Alles verschwimmt").
- Die
muskuläre Verspannung des ganzen Körpers bis hin zum Zittern und Beben
ergibt sich durch die Anspannung der Muskulatur, was gerade bei
ausbleibender Bewegung als sehr unangenehm und schmerzhaft erlebt wird.
Der Körper wird für eine Bewegung aktiviert, die nicht erfolgt, so dass
keine Abreaktion der Anspannung stattfindet. Die Verspannung der
Beinmuskulatur führt zu einem unsicheren Stand, so dass nunmehr aus
diesem Grund das Gefühl, bald umzufallen, gegeben sein kann ("Ich bin
so wackelig auf den Beinen", "Meine Knie zittern", "Mein ganzer Körper
bebt", "Meine Hände sind so zittrig").
- Atembeklemmung
und Druck auf der Brust durch Hyperventilation. Bei Stress muss
schneller geatmet werden, um das Abfallprodukt Kohlendioxid vermehrt
abzugeben und Sauerstoff aufzunehmen. Bei grundloser Angst wird jedoch
der vom Körper vermehrt aufgenommene Sauerstoff mangels Bewegung nicht
verbraucht (man muss ja nicht wirklich davonlaufen) und durch die
übermäßige Atmung mit dem Mund zuviel Luft eingeatmet, so dass es zur
Überdehnung der Lunge kommt. Dies führt zu einem unangenehmen
Druckgefühl im Brustkorb, das oft als Erstickungsgefühl oder
Herzproblematik erlebt wird, so dass noch schneller und flacher geatmet
wird ("Ich muss ersticken, ich bekomme zuwenig Luft"). Das Blut wird
alkalisch, die Blutgefäße verengen sich und bewirken eine mangelnde
Durchblutung (auch im Kopf).
- Mundtrockenheit
entsteht durch die übermäßige Atmung mit dem Mund und die
Speichelreduktion in Zusammenhang mit der Blockierung der
Verdauungsfunktionen ("Mein Mund ist so trocken, ich muss etwas
trinken").
- Hitzegefühle entwickeln sich
durch den erhöhten Energieverbrauch. Deswegen setzt anschließend
Schwitzen als Mittel der Kühlung des überhitzten Körpers durch
Wasserverdunstung ein ("Mir wird so heiß", "Ich schwitze ständig").
- Geistige
Überaktivierung (erhöhte Wachsamkeit), um die Aufmerksamkeit und
Reaktionsfähigkeit angesichts möglicher Gefahren zu steigern,
resultiert aus der adrenalinbedingten Stimulierung bestimmter
Hirnregionen. Bei Fehlen echter Gefahren wird dies als unangenehme
Übersensibilität erlebt ("Ich bin so aufgedreht", "Ich fühle mich ganz
überdreht", "Ich kann nicht abschalten").
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Nach der Sympathikusüberaktivierung erfolgen parasympathische Reaktionen:
- Schwitzen als Wasserverdunstung zur Kühlung des überhitzten Körpers,
- Magen- und Darmaktivität (Übelkeit, Brechreiz, Harndrang, Durchfallsneigung),
- allgemeine Erschlaffung ("weiche Knie" nach der Anspannung sind Ausdruck der Erschöpfung).
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Wenn die Panikattacke aus verschiedenen Gründen (anhaltende Todes- oder
Verlustängste, massive Erregung durch Wut und Aggressionen, fehlende
Bewegung aus Angst umzufallen) nicht abklingt, kommt es zu einem
längerdauernden Nebeneinander von sympathisch und parasympathisch
bewirkten Körperreaktionen mit einem anschließenden Erschöpfungsgefühl.
Der Körper bei Angstzuständen - Wissenswerte Details
Viele Menschen mit Panikstörung und Agoraphobie haben nach Ausschluss
organischer Ursachen ein erhöhtes Erklärungsbedürfnis für ihre Störung.
Sie bleiben aus verständlichen Gründen weiterhin organisch fixiert,
obwohl sie laut Ärzten "nichts Organisches" haben. Für Betroffene,
denen die bisherigen Erläuterungen über die Körper-Seele-Zusammenhänge
noch immer nicht ausreichend und konkret genug erscheinen, sowie für
interessierte nichtärztliche Psychotherapeuten sind die folgenden
Ausführungen gedacht, die mit Hilfe der entsprechenden Fach- und
Populärliteratur erstellt wurden. Recht informativ ist das
allgemeinverständlich und humorvoll geschriebene Buch "Der gesunde
Kranke" von Lieb und Pein, Fachleuten ist das Buch "Biologische
Psychologie" von Birbaumer und Schmidt zu empfehlen.
Umfangreicheres Wissen von Menschen mit Angststörungen kann dazu
führen, die ärztlichen Erläuterungen, die im Rahmen einer Kassenpraxis
mit dem damit verbundenen Zeitdruck oft nur knapp ausfallen, besser zu
verstehen und eventuell spezifischere Fragen an den behandelnden Arzt
zu richten. Für Angstpatienten, die medizinische Informationen aus
Angst vor Beunruhigung vermeiden, stellt der nachfolgende Texte zum
Thema eine Art Konfrontationstherapie dar.
Autor:
Dr.Hans Morschitzky
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