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Der griechische Arzt Hippokrates beschrieb schon in der Antike einen Mann, den man
"wegen seiner Schüchternheit, wegen seines Argwohns und seiner
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Wir
brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Machen wir
uns von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu
neuem Leben ein.
(Christian Morgenstern) |
Historische Aspekte der sozialen Phobie
Der griechische Arzt Hippokrates beschrieb schon in der Antike einen
Mann, den man "wegen seiner Schüchternheit, wegen seines Argwohns und
seiner Furchtsamkeit kaum zu sehen bekam; der die Dunkelheit wie sein
Leben liebte und weder Helligkeit ertragen noch an beleuchteten Plätzen
sitzen konnte, der - den Hut über die Augen gezogen - weder andere
sehen noch von ihnen angeschaut werden wollte. Er mied jeden Kontakt
aus Angst, schlecht behandelt zu werden, sich zu blamieren oder in
seinen Gebärden oder durch sein Reden aus dem Rahmen zu fallen, oder
sich übergeben zu müssen. Er glaubte sich von jedermann beobachtet..."
Der Begriff der "sozialen Phobie" wurde bereits 1903 vom französischen
Psychiater Janet beschrieben. Die soziale Phobie in ihrer modernen Form
wurde 1966 von den englischen Psychiatern und Verhaltenstherapeuten
Marks und Gelder erstmals definiert, später weiter ausgearbeitet und
1980 in das offizielle amerikanische Diagnoseschema aufgenommen und
schließlich 1990 auch im ICD-10, dem neuen internationalen
Diagnoseschema, verankert. Die soziale Phobie steht seit einigen Jahren
verstärkt im Mittelpunkt des Forschungsinteresses.
Symptomatik der sozialen Phobie
Soziale Phobien bestehen in der Furcht vor der prüfenden Beobachtung
durch andere Menschen in verhältnismäßig kleinen Gruppen (nicht dagegen
in Menschenmengen) und führen schließlich dazu, dass soziale
Situationen vermieden werden oder nur unter intensiver Angst
durchgestanden werden. Eine soziale Phobie ist eine dauerhafte,
unangemessene Furcht und Vermeidung von Situationen, in denen die
Betroffenen mit anderen Menschen zu tun haben und dadurch einer
möglichen Bewertung im weitesten Sinne ausgesetzt sind. Es bestehen
unangemessen starke Ängste vor sozialen Situationen oder
Leistungssituationen, in denen die Person im Mittelpunkt der
Aufmerksamkeit anderer steht und befürchtet, etwas zu tun, was
demütigend oder peinlich wäre.
Menschen mit einer Sozialphobie haben Angst zu versagen, sich
lächerlich zu machen oder durch ungeschicktes Verhalten unangenehm
aufzufallen. Sozialphobiker befürchten, in sozialen Situationen
verspottet oder feindselig behandelt zu werden, dumm auszusehen, die
Kontrolle zu verlieren, Panik zu erleben und nicht mehr zu wissen, was
sie sagen sollen, sodass sie erst recht auffallen, noch dazu, wenn
gleichzeitig verschiedene vegetative Symptome auftreten.
Soziale Phobien können klar abgegrenzt und umschrieben sein oder
unbestimmt und in fast allen sozialen Situationen außerhalb des
Familienkreises auftreten. Die Diagnose einer sozialen Phobie wird
bestätigt, wenn eine Person Tätigkeiten alleine angstfrei ausführen
kann, die ihr in Gegenwart anderer Menschen Angst machen. Die
Beobachtung durch andere wirkt irritierend, die Furcht vor kritischer
Beurteilung bewirkt eine Leistungshemmung.
Ein gewisses Ausmaß an sozialer Angst ist völlig normal. Schüchternheit
stellt ebenfalls keine Störung dar, wenn sie nicht als belastend erlebt
wird. Die Krankheitswertigkeit sozialer Ängste hängt vom Ausmaß der
erlebten Beeinträchtigung ab. Kennzeichnend hierfür ist die angstvolle
Vermeidung von an sich gewünschten Sozialkontakten.
Das DSM-IV erstellt folgende diagnostische Kriterien für eine soziale Phobie:
A. Eine ausgeprägte und anhaltende Angst vor einer oder mehreren
sozialen oder Leistungssituationen, in denen die Person mit unbekannten
Personen konfrontiert ist oder von anderen Personen beurteilt werden
könnte. Der Betroffene befürchtet, ein Verhalten (oder ein
Angstsymptom) zu zeigen, das demütigend oder peinlich sein könnte...
B. Die Konfrontation mit der befürchteten sozialen Situation ruft fast
immer eine unmittelbare Angstreaktion hervor, die das Erscheinungsbild
einer situationsgebundenen oder einer situationsbegünstigten
Panikattacke annehmen kann...
C. Die Person erkennt, dass die Angst übertrieben oder unbegründet ist....
D. Die gefürchteten sozialen oder Leistungssituationen werden vermieden
oder nur unter intensiver Angst oder Unwohlsein ertragen.
E. Das Vermeidungsverhalten, die ängstliche Erwartungshaltung oder das
starke Unbehagen in den gefürchteten sozialen oder Leistungssituationen
beeinträchtigen deutlich die normale Lebensführung der Person, ihre
berufliche (oder schulische) Leistung oder soziale Aktivitäten oder
Beziehungen, oder die Phobie verursacht erhebliches Leiden.
F. Bei Personen unter 18 Jahren hält die Phobie über mindestens 6 Monate an...
Typische Situationen, wo soziale Ängste auftreten, sind:
- sich in Gegenwart anderer äußern,
- in der Öffentlichkeit eine Rede halten,
- bei einem bestimmten Anlass öffentlich in Erscheinung treten,
- Personen des anderen Geschlechts ansprechen,
- Essen und Trinken mit anderen (das Glas oder die Tasse heben ohne Zittern),
- Teilnahme an Partys, Feiern, Treffen, Verabredungen, Geschäftsessen,
- unter Beobachtung anderer schreiben bzw. eine Unterschrift leisten,
- in einer Leistungssituation von anderen beobachtet werden (z.B. bei einer Arbeit),
- sportliche Betätigung, während andere zuschauen (z.B. Gymnastik, Schwimmen),
- Teilnahme bei Tests und Wettbewerben,
- beim Rotwerden, Zittern oder Schwitzen sich beobachtet fühlen,
- in einem Lokal in der Mitte sitzen,
- in öffentlichen Verkehrsmitteln anderen gegenübersitzen und dabei auffallen,
- Kennen lernen fremder Menschen,
- Besuch öffentlicher Toiletten,
- Bewerbungsgespräche vornehmen,
- Autoritätspersonen gegenübertreten.
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Bei Kindern zeigen sich soziale Ängste am häufigsten in Form der
Schulphobie und der Prüfungsangst, aber auch in der Angst, von anderen
Kindern ausgelacht zu werden, wenn diese als Gruppe und damit als
bestimmende Mehrheit erlebt werden. Schüler mit einer sozialen Phobie
schneiden wegen ihrer Prüfungsängste und des nicht seltenen Vermeidens
der Teilnahme am Unterricht bei Prüfungen häufiger schlechter ab als
andere Kinder, was die Angst vor Leistungsbeurteilungen verstärkt.
Schlechtere Schulleistungen, als aufgrund des oft großen Lerneinsatzes
notwendig sind, hängen zusammen mit der angstbedingten Blockade beim
Sprechen vor der ganzen Klasse und der Autoritätsperson des Lehrers.
Die Prüfungssituation als der Inbegriff einer gefürchteten
Leistungsbeurteilung führt zu einer verstärkten Beobachtung des eigenen
Verhaltens bzw. bestimmter sozial auffällig machender Symptome
(Zittern, Rotwerden, Schwitzen, Stottern, Versagen der Stimme) und
infolgedessen zu einer Konzentrationsstörung, sodass das oft vorhandene
Wissen nicht adäquat dokumentiert werden kann.
Soziale Phobien sind gewöhnlich mit niedrigem Selbstwertgefühl und
Furcht vor Kritik verbunden. Menschen mit Sozialphobie sind oft selbst
ihre schärfsten Kritiker und fürchten, dass andere Menschen ihre
eingebildeten oder tatsächlichen Schwächen erkennen könnten. Sie können
sich selbst mit ihrer Eigenart nicht annehmen und fürchten daher die
soziale Ablehnung als Bestätigung ihrer Ineffizienz.
Die übermäßige Beschäftigung mit der eigenen Person und der Wirkung auf
andere äußert sich in sozialen Situationen in der Form, dass
Sozialphobiker glauben, die anderen Menschen würden ebenfalls ständig
ihre vermeintlichen Defizite beobachten. Sozialer Rückzug oder das
verkrampfte Bemühen, möglichst unauffällig zu wirken, verhindert die
Erfahrung, dass die Mitmenschen die Betroffenen gar nicht im
gefürchteten Ausmaß beobachten bzw. kritisieren, sondern trotz der
vermeintlichen Schwächen als liebenswerte Persönlichkeiten ansehen.
Ein typisches Beispiel einer sozialen Phobie ist die Geschichte eines
Mannes, der in einer Buchhandlung ein interessantes Buch über
Schüchternheit sieht, es aber trotz großen Interesses nicht wagt, es zu
kaufen oder nur hineinzuschauen, weil die Verkäuferin dann ja wüsste,
dass er ein schüchterner Mensch ist. Das Erlebnis, sich wieder einmal
nicht über seine Angst vor der Reaktion der anderen Leute hinwegsetzen
zu können, bestätigt ihm sein Schicksal der Unveränderbarkeit.
Soziale Angst, die aus Selbstunsicherheit entsteht, kann so weit gehen,
dass die Betroffenen glauben, andere Menschen würden ständig über sie
sprechen oder sie in besonderer Weise anschauen (sog. Beziehungsideen).
Eine Person mit einem ausgeprägten derartigen Verhalten wird als
"sensitiv" bezeichnet. Es tritt oft auch bei depressiven Personen mit
geringem Selbstwert auf.
Am Beispiel des Händezitterns kann leicht die Eigenart einer
Sozialphobie im Vergleich zur Parkinsonschen Krankheit erläutert
werden. Sozialphobiker haben Angst, auf einem Scheck oder Zahlschein
nur unleserlich unterschreiben zu können, im Restaurant die Suppe vom
Löffel zu kippen oder beim Anstoßen mit dem Weinglas ungeschickt zu
sein, im Café den Kaffee zu verschütten, im Geschäft das Wechselgeld
nicht in Ruhe entgegennehmen zu können, obwohl diese Befürchtungen
meistens unberechtigt sind. Parkinson-Kranke dagegen zittern sehr
stark, bemerken es jedoch oft gar nicht, und haben trotz ihrer
Beeinträchtigung gewöhnlich keine Angst, etwas in der Öffentlichkeit zu
tun.
Das Erleben bestimmter sozialer Situationen löst fast unvermeidlich
eine sofortige Angstreaktion aus, die mit körperlichen Beschwerden
verbunden ist wie Verkrampfung, Händezittern, feuchte Hände, Schwitzen
am ganzen Körper, Erröten, Herzrasen, Atemnot, Knödelgefühl im Hals,
Übelkeit, Schwindel, Harn- und Stuhldrang, Kopf- oder Magenschmerzen,
Stottern bzw. Sprechhemmung.
Der Blickkontakt fällt schwer oder wird gänzlich vermieden. Es können
auch situationsgebundene oder situationsbegünstigte Panikattacken
auftreten. Nach einer amerikanischen Studie kommt die soziale Phobie
mit Panikstörung in vergleichbar großer Häufigkeit vor wie die
Agoraphobie mit Panikstörung.
Die Angst, beobachtet zu werden, lächerlich zu wirken und kritisch
bewertet zu werden, führt zu vegetativen Symptomen, die erst recht die
Angst vor sozialer Auffälligkeit verstärken. Die körperlichen Symptome,
die meist nicht das Ausmaß einer Panikattacke erreichen, stellen daher
für viele sozial ängstliche Menschen das zentrale Problem dar, da es
sich oft um Symptome handelt, die nach außen hin sichtbar werden (wie
Erröten, Zittern, Schwitzen, Weinen) und als weiterer bzw. eigentlicher
Grund für negative Bewertung vonseiten der Umwelt empfunden werden.
Die Angst vor dem sichtbaren Zittern der Hände kann dazu führen, dass
die Betroffenen in Anwesenheit anderer nichts essen, trinken oder
unterschreiben. Ohne das Gefühl der Beobachtung können die Betroffenen
alle Tätigkeiten problemlos ausführen.
Die Angst vor Kritik und Ablehnung hat zur Folge, dass Menschen mit
sozialen Ängsten sich nicht ausreichend durchsetzen und ihre
berechtigten Wünsche und Bedürfnisse vertreten können. Sie haben
Schwierigkeiten, Nein zu sagen und sich gegenüber den Forderungen
anderer abzugrenzen.
In der Selbstwahrnehmung können die Angstsymptome als das primäre
Problem verkannt werden. Eine Errötungsangst (Erythrophobie) bezieht
sich auf das Erröten in sozialen Situationen und resultiert aus der
Angst vor Sozialkontakten, während die Betroffenen meinen, sie würden
nur wegen des unkontrollierbaren Errötens den Kontakt mit anderen
Menschen fürchten. Sozialen Situationen wird nicht nur wegen des
befürchteten Händezittern ausgewichen, sondern dieses ist letztlich das
Ergebnis der angstbedingten Muskelverspannung in sozialen Situationen.
Viele Sozialphobiker leben recht zurückgezogen und sehnen sich bei
aller Angst vor Ablehnung und Zurückweisung doch sehr nach Kontakt und
Anerkennung. Nach verschiedenen verpassten Gelegenheiten leiden sie
stark unter dem Gefühl, wieder einmal nicht die Initiative ergriffen zu
haben und z.B. eine Person des anderen Geschlechts angesprochen zu
haben. Das Risiko, auf der Suche nach dem richtigen Partner einige
Ablehnungen hinnehmen zu müssen, erscheint einfach zu groß.
Auf der Suche nach einem Partner hoffen viele Sozialphobiker gleich auf
einen intimen Partner. Das erste Gespräch im Lokal wird bereits zum
Test, ob man beim anderen "angekommen" oder "durchgefallen" ist. Diese
Art der Kontaktsuche ist auf dem Hintergrund des langen Alleinseins
verständlich, stellt jedoch eine Überforderung für beide
Interaktionspartner dar. Oft fehlen Geduld, Engagement und Verständnis
dafür, dass eine Beziehung über einen längeren Zeitraum, auch durch
Enttäuschungen hindurch, aufgebaut werden muss. Alleinstehende
Sozialphobiker glauben nicht selten, durch einen intimen Partner
schlagartig alle ihre sozialen Ängste zu verlieren.
Menschen mit einer sozialen Phobie haben oft völlig unrealistische
Zielvorstellungen über den Aufbau und die Erhaltung von Beziehungen und
erleben deshalb immer wieder neue Enttäuschungen. Die Suche nach einem
Partner stellt oft einen Kompensationsversuch der eigenen Unsicherheit
dar, der trotz ständiger Misserfolge so lange nicht aufgegeben werden
kann, als nur in einem intimen Partner die Erlösung aus der Einsamkeit
gesehen wird.
Soziale Phobien äußern sich häufig auch in Form von sexuellen
Funktionsstörungen. Die Angst, in sexueller Hinsicht zu versagen oder
als Mann bzw. Frau nicht attraktiv genug zu sein, verhindert den
näheren Kontakt mit einer Person des anderen Geschlechts. Die
Betroffenen brechen eine beginnende Beziehung nicht selten von sich aus
ab, um dem deprimierenden Gefühl der befürchteten Ablehnung durch den
anderen zuvorzukommen.
- Marks
unterscheidet zwei Arten von klinisch relevanten sozialen Ängsten, die
auch einer dementsprechend unterschiedlichen Behandlung bedürfen:
Sozialphobie im Sinne einer angstbedingten Hemmung (Sozialphobie
engeren Sinne),
- Sozialphobie als Folge eines sozialen Kompetenzdefizits (Mangel an sozialen Fertigkeiten).
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Sozialphobie
und soziales Kompetenzdefizit
| Merkmale |
Sozialphobie
im engeren Sinn |
Soziales
Kompetenzdefizit |
| Geschlechtsverhältnis |
Männer
und Frauen gleich |
Mehr
Männer als Frauen |
| Beginn |
Plötzlich
ab Teenager-Alter |
Schleichend
seit Kindheit |
| Schwerpunkt
der Phobie |
Spezifisch |
Diffus |
| Körperliche
Reaktionen |
Ausgeprägt |
Gering |
| Assoziierte
Probleme |
Gelegentlich |
Üblicherweise
sehr stark |
| Benötigte
Therapie |
Konfrontation
und Angstbewältigungstraining |
Training
sozialer Kompetenz |
Die Gruppe der Sozialphobiker im engeren Sinn ist charakterisiert durch
die bereits erwähnten Merkmale. Diese Personen verfügen über normale
soziale Fertigkeiten, weisen jedoch Ängste in bezug auf eine oder
mehrere soziale Situationen auf und zeigen ausgeprägte körperliche
Reaktionen bei der Konfrontation mit relevanten phobischen Reizen.
Schüchternheit kann, muss aber nicht vorhanden sein. Viele sozial
gehemmte Menschen zeigen oft unpassende oder unzweckmäßige
Verhaltensweisen. Sie entschuldigen sich ständig, sind übertrieben
höflich, schweigen zuviel, reagieren bei zuviel "Schlucken" mit
Aggressionsdurchbrüchen, sprechen eher über andere als mit anderen,
reden zuviel über sich selbst, statt sich auf den anderen einzulassen,
sind körperlich ausdruckslos, monoton in der Stimme und schauen beim
Reden die anderen zu wenig an.
Der Gruppe der Sozialphobiker mit einem Defizit an sozialer Kompetenz
fehlen die notwendigen Fertigkeiten, um soziale Situationen erfolgreich
bewältigen zu können. Sie können Gespräche nicht beginnen,
aufrechterhalten und beenden, wissen nicht, wie man sich in bestimmten
Situationen verhält, sind sehr schüchtern und haben allgemein Probleme
im Umgang mit anderen Menschen. Sie weisen ein ausgeprägtes
Vermeidungsverhalten in bezug auf soziale Situationen auf, weil sie
fürchten, kritisiert oder verspottet zu werden, nicht als normal
angesehen zu werden, nicht zu wissen, was sie sagen sollen, die
Kontrolle zu verlieren und in Panik zu geraten. Sie leben deswegen sehr
zurückgezogen und sind oft sehr unglücklich oder depressiv. Die
sozialen Defizite äußern sich durch oft lebenslange Schwierigkeiten im
Knüpfen und Aufrechterhalten von sozialen Kontakten trotz des
vorhandenen Wunsches danach sowie durch das ständige Bemühen, die
Bedrohung der eigenen Person zu reduzieren, mit dem Ergebnis sozialen
Rückzugs und starker Beeinträchtigungen im beruflichen Leben.
Die schwierigsten sozialen Situationen für sozial defizitäre Personen
sind Partys, Tanzen und Räume mit Menschen. Cafés, Restaurants und
Gasthäuser, wo Anonymität möglich und kein direkter Kontakt mit anderen
erforderlich ist, können dagegen meistens besucht werden. Typisch sind
größere Probleme mit Gleichaltrigen als mit jüngeren oder älteren
Personen, Schwierigkeiten im Kontaktaufnehmen mit fremden bzw.
gegengeschlechtlichen Personen, Hemmungen beim Äußern eigener Gefühle
und damit Vertiefen einer Beziehung.
Während Marks zwei Sozialphobie-Typen nach dem Ausmaß der sozialen
Kompetenz beschreibt, unterscheidet das DSM-IV nach dem Ausmaß der
Generalisierung zwei Arten von Sozialphobien:
- einen
nichtgeneralisierten (spezifischen) Typ der Sozialphobie, der eher dem
Sozialphobiker im engeren Sinn nach Marks entspricht,
- einen generalisierten Typ der Sozialphobie, der eher dem Sozialphobiker mit Sozialkompetenzdefizit entspricht.
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Eine
generalisierte soziale Phobie ist charakterisiert durch das Auftreten
von Ängsten in vielen verschiedenen sozialen Situationen. Die
Betroffenen fürchten meist sowohl öffentliche Leistungssituationen als
auch soziale Situationen, was zu schweren sozialen und beruflichen
Beeinträchtigungen führen kann. Häufig liegen ausgeprägte soziale
Defizite zugrunde. Dennoch wird mit "Sozialphobie" insgesamt eher das
Verhalten des ängstlich-gehemmten Sozialphobikers bezeichnet, während
die schweren Formen sozialer Defizite als Persönlichkeitsstörung
beschrieben werden:
- "ängstliche (vermeidende) Persönlichkeitsstörung" (ICD-10),
- "selbstunsichere Persönlichkeit" (DSM-IV).
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Bei
der ängstlich-vermeidenden bzw. selbstunsicheren Persönlichkeit treten
Ängste in fast allen sozialen Situationen auf, weshalb in den
psychiatrischen Diagnoseschemata als Grundlage für derart
generalisierte soziale Ängste eine dementsprechende
Persönlichkeitsstruktur angenommen wird. Bei der sozialen Phobie werden
soziale Situationen gemieden, bei der ängstlichen
Persönlichkeitsstörung dagegen soziale Beziehungen überhaupt, bedingt
durch die größere allgemeine Unsicherheit und Ängstlichkeit.
Die Trennung zwischen sozialer Phobie (sozialer Gehemmtheit) und
sozialen Defiziten (ängstliche Persönlichkeitsstörung) in zwei
unabhängige Kategorien entspricht nicht der Realität. Bei einer
sozialen Phobie können auch soziale Defizite gegeben sein. Die sozialen
Defizite bei einer ängstlich-unsicheren Persönlichkeit lassen sich
jedoch ebenso erfolgreich therapieren wie bei einer sozialen Phobie,
sodass soziale Defizite nicht als zentrales Wesensmerkmal für eine
definitionsgemäß nur relativ schwer veränderbare Persönlichkeitsstörung
angesehen werden sollten.
Soziale Phobie und ängstliche Persönlichkeitsstörung unterscheiden sich
nur durch den Schweregrad der Beschwerden voneinander. Beide Störungen
liegen auf einem Kontinuum des Schweregrades der Gestörtheit
(Ausprägung der Angst und der Defizite), wobei die ängstliche
Persönlichkeitsstörung nur durch die besondere Schwere der sozialen
Störung definiert ist.
In einer amerikanischen Studie an 1000 Personen aus der
Durchschnittsbevölkerung bezeichneten sich 40% als dauerhaft schüchtern
und 80% als zumindest zeitweise schüchtern. Dies weist darauf hin, dass
soziale Phobien auf einem Kontinuum zu "normalen" Ängsten liegen.
Viele psychisch gesunde Menschen erleben zeitweise die Angst, sich in
sozialen Situationen zu blamieren, fühlen sich dadurch aber nicht so
belastet und beeinträchtigt wie Sozialphobiker. Insbesondere die Angst
vor öffentlichem Sprechen führt dazu, dass zahlreiche Menschen den
Auftritt in der Öffentlichkeit vermeiden so gut es geht. Wenn jedoch
aus schulischen, beruflichen oder sonstigen Gründen ein öffentlicher
Auftritt unvermeidlich ist, können gesunde Personen sehr wohl in den
Mittelpunkt der Aufmerksamkeit treten.
Prüfungsangst, Lampenfieber und Schüchternheit in Anwesenheit fremder
Personen kommt häufig vor und sollte nur dann als soziale Phobie
diagnostiziert werden, wenn die dabei auftretende Angst belastend und
die einsetzende Vermeidungstendenz zu einer ernsthaften
Lebensbeeinträchtigung führen.
Sozialphobiker können sich vor denselben Situationen wie Agoraphobiker
fürchten, jedoch aus anderen Gründen, nämlich wegen der unerträglichen
sozialen Beachtung und Beurteilung der eigenen Person ("Was werden sich
die anderen von mir denken?", "Bestimmt halten sie mich für dumm"; "Ich
könnte mich blamieren"). Nicht selten wird die soziale Phobie durch
Ausreden zu verbergen versucht (z.B. "Ich finde Partys blöd"; "Ich mag
diese Typen einfach nicht"; "Ich kann nicht mehr soviel fortgehen wie
früher, weil ich zu Hause soviel Arbeit habe"; "Ohne meinen Mann freut
mich das Fortgehen nicht"; "Ich bin nicht mehr so gesund wie früher").
Epidemiologie, Verlauf und Folgen der sozialen Phobie
Ältere deutsche und amerikanische Bevölkerungsstudien wiesen bei der
Sozialphobie auf eine Lebenszeitprävalenz von rund 2,5% hin. Nach der
neuesten nationalen Erhebung in den USA (NCS-Studie) ist die soziale
Phobie mit einer Auftretenswahrscheinlichkeit von 13,3% im Laufe des
Lebenszeitraums, 7,9% innerhalb der letzten 12 Monate und 4,5%
innerhalb des letzten Monats nach der Depression und dem Alkoholismus
die dritthäufigste psychische Störung (lebenszeitbezogen bei 15,5% der
Frauen und 11,1% der Männer, innerhalb der letzten 12 Monate bei 9,1%
der Frauen und 6,6% der Männer, innerhalb des letzten Monats bei 5,2%
der Frauen und 3,8% der Männer). Die fehlende oder inadäquate
Bewältigung dieser sozialen Beeinträchtigung führt zu weiteren
Störungen und Behinderungen.
Vorübergehende soziale Ängste sind in der Kindheit und Jugend relativ
häufig. Soziale Phobien beginnen meist zwischen dem 15. und 20.
Lebensjahr und damit etwas früher als Panikstörungen und Agoraphobien.
Eine generalisierte soziale Phobie beginnt durchschnittlich mit etwa 13
Jahren, eine nichtgeneralisierte Sozialphobie mit 22,6 Jahren.
Sozialphobien entwickeln sich langsamer als die anderen Angststörungen.
Erste Anzeichen der sozialen Phobie sind oft eine ausgeprägte
Schüchternheit oder Zurückhaltung, später resultieren daraus auch oft
verschiedene berufliche oder private Probleme. Die häufigste soziale
Phobie des Kindes- und Jugendalters ist die Schulphobie.
Menschen mit sozialer Phobie sind häufiger unverheiratet bzw. haben
keinen festen Partner. Oft fehlen auch sexuelle Erfahrungen oder
bestehen sexuelle Probleme. In klinischen Behandlungseinrichtungen ist
die soziale Phobie nach der Agoraphobie die zweithäufigste
Angststörung. Die Betroffenen melden sich oft mit anderen Problemen zur
Therapie an (z.B. Alkoholmissbrauch, depressive Symptomatik,
psychovegetative Störungen).
Eine Depression ist die häufigste Begleit- und Folgesymptomatik der
sozialen Phobie und tritt (je nach Diagnosekriterien) in 14-50% der
Fälle auf. Eine soziale Phobie ist keine harmlose Angstkrankheit, was
sich auch in relativ häufigen Selbstmordgedanken und
Selbstmordversuchen äußert. Bei rund 15% der Betroffenen kommen
Selbstmordversuche vor. Die depressive Verstimmung entwickelt sich oft
als Folge der sozialen Hemmung. Die Depression ist bedingt durch die
Unzufriedenheit mit der jeweiligen Lebenssituation (geringe
Durchsetzungsfähigkeit im beruflichen und privaten Bereich,
Vereinsamung, wenig Verhaltensalternativen).
Viele Sozialphobiker (5-36%) benutzen oft Alkohol, um ihre Ängste zu
dämpfen. Nach einer Studie entwickeln rund 20% der Sozialphobiker einen
ausgeprägten Alkoholkonsum, der deutlich über dem von Agoraphobikern
liegt. Zahlreiche angstauslösende soziale Interaktionen erfolgen in
Situationen, in denen auch Alkohol zur Verfügung steht (z.B. bei
Verabredungen, Feiern, Essen im Restaurant). Umgekehrt finden sich
unter Alkoholikern viele sozial ängstliche Menschen, die wegen ihrer
Ängste zu trinken begonnen haben.
Rund 20% der Sozialphobiker weisen Zwangssymptome auf, die mit
gefürchteten negativen sozialen Konsequenzen (Angst vor Kritik)
zusammenhängen:
- Ordnungs- und Putzzwänge aus Angst, bestimmte Sauberkeitsnormen nicht zu erfüllen.
- Kontrollzwänge aus Angst, den geforderten Perfektionsansprüchen nicht gerecht zu werden.
- Gedankenzwänge im Sinne der Vorwegnahme der negativen Reaktionen anderer, wodurch Handlungsunfähigkeit gegeben ist.
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Zwänge stellen oft einen Bewältigungsversuch von sozialer Unsicherheit
und mangelnder sozialer Kompetenz dar. Je mehr dies der Fall ist, um so
geringer ist die Bereitschaft, die Zwänge als Mittel der Durchsetzung
und Beziehungssteuerung aufzugeben, weil damit die zugrundeliegenden
sozialen Defizite offenbar würden. Bei derartigen Zwängen reicht die
Durchbrechung der Zwänge als einzige Therapietechnik nicht aus,
vielmehr ist vorher oder gleichzeitig auf den Aufbau von mehr
Selbstsicherheit und Durchsetzungsfähigkeit zu achten.
Soziale Angst - Ständige kognitive Beschäftigung mit sich und den anderen
Nach den kognitiv-verhaltenstherapeutischen Konzepten der Amerikaner
Beck und Heimberg entstehen Sozialphobien bei Menschen, die sich
übermäßig mit sich selbst beschäftigen. Aus Angst vor Misserfolg in
sozialen Situationen sowie vor daraus resultierender sozialer Kritik
werden potentielle "Gefahren" übermäßig beachtet und dadurch
überbewertet. Die übermäßige Empfindlichkeit gegenüber den eigenen
körperlichen Reaktionen (Hitzegefühl, Erröten, Schwitzen, Herzklopfen,
belegte Stimme, Zittern) verstärkt den Prozess der erhöhten
Selbstbeobachtung.
Abnehmendes Selbstvertrauen und verzerrte Selbstbewertung tragen dazu
bei, dass es schließlich zu einem phobischen Vermeidungsverhalten
kommt, das kurzfristig die Angst reduziert, langfristig jedoch
aufrechterhält durch fehlende andersartige Erfahrungen. Durch ihren
sozialen Rückzug verhindern Menschen mit unzureichender sozialer
Kompetenz gerade jene Lernerfahrungen, die ihnen für zukünftige soziale
Situationen mehr Selbstsicherheit vermitteln würden.
Sozialphobiker haben auf sich selbst gerichtete "Metakognitionen", d.h.
Selbstbeobachtungen der eigenen kognitiven Aktivitäten. Sie überwachen
ihre kognitiven, wahrnehmenden, physiologischen und motorischen
Prozesse, die während einer sozialen Interaktion ablaufen, werden
dadurch sozial jedoch noch distanzierter und verlieren jede
Spontaneität, was ihre soziale Ängstlichkeit verstärkt. Die
Konzentration auf die eigene Person und deren Wirkung auf andere
beeinträchtigt die Zuwendung zum Interaktionspartner und dessen
Äußerungen, was subjektiv als Konzentrationsstörung oder gar
Merkfähigkeitsstörung erlebt wird.
Es entwickelt sich ein Teufelskreis: die Angst vor sozialen
Misserfolgen und kritischen Urteilen führt zu einem verkrampften
Bemühen um Fehlervermeidung, Unauffälligkeit und positive
Selbstdarstellung und infolgedessen zu erhöhter Aufmerksamkeit auf das
eigene Tun, unbedingt alles richtig zu machen. Daraus resultiert eine
Beeinträchtigung des spontanen Verhaltens. Die Art der
Aufmerksamkeitszuwendung auf die Interaktionspartner ("Was sehen die
anderen an mir?") verstärkt den Prozess der Selbstbeobachtung. Die
damit einhergehende Gefahr der Auffälligkeit wird durch
"Zusammenreißen" zu überspielen versucht. Wenn die soziale
Auffälligkeit dennoch immer wahrscheinlicher erscheint, erfolgt ein
sozialer Rückzug als Vermeidungsstrategie. Die damit verbundene
mangelnde Erfahrung und fehlende Trainingsmöglichkeit im Umgang mit
anderen Menschen führt zur Verstärkung der sozialen Unsicherheit und
rechtfertigt das Rückzugsverhalten.
Eine soziale Phobie wird durch zwei Aspekte besonders verstärkt:
- Die Person hat das Ziel, auf andere einen guten Eindruck zu machen.
- Die Person bezweifelt ihre Fähigkeiten, dies zu erreichen.
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Nach Beck begünstigen folgende innere Dialoge in sozialen Situationen eine Sozialphobie:
- In welchem Ausmaß ist dies ein Test meiner Kompetenz oder meines Ansehens?
- Wie sehr muss ich mich mir oder anderen etwas beweisen?
- Wie ist mein Status im Vergleich zu dem der anderen?
- Wie
wichtig ist es, eine Stärkeposition bezüglich des Status oder ein gutes
Ansehen im Umgang mit sozial Bewertenden zu etablieren?
- Wie ist die Haltung der Bewertenden?
- Sind sie akzeptierend und verständnisvoll oder zurückweisend?
- Sind ihre Bewertungen objektiv oder hart und bestrafend?
- In welchem Ausmaß kann ich auf meine Fähigkeiten zählen, um die Bewertung zu überstehen?
- Mit welcher Wahrscheinlichkeit werde ich von ablenkenden Ängsten und Hemmungen verunsichert?
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Das kognitive Modell von Clark berücksichtigt weitere Aspekte. Demnach
wird die anfängliche Erwartung bezüglich negativer Bewertungen des
eigenen Verhaltens durch andere wesentlich verstärkt und ausgeweitet
durch fehlerhafte Informationsverarbeitung und ungünstige
Verhaltensweisen. Negative Erwartungen bewirken eine erhöhte
Selbstaufmerksamkeit, Selbstbeobachtung und Selbstbewertung (einseitige
Konzentration auf mögliche Fehler, Versagen, Blamagen und
Peinlichkeiten im Verhalten). Sozialphobiker schließen aufgrund ihrer
Angstgefühle oder körperlichen Erregung oft auf negative
Verhaltensbewertung durch andere ("Die anderen sehen in meiner
Aufregung meine Schwäche"). Die Fehlattribuierung von Angstsymptomen
als Beweis der negativen Beurteilung vonseiten der Umwelt schaukelt den
Teufelskreis bis zu situativen Panikattacken auf. Bestimmte
Sicherheitsverhaltensweisen sollen in unvermeidbaren Situationen die
Ängste und erwarteten negativen Bewertungen vermindern (z.B. ständiges
Reden zur Überspielung von Unsicherheit). Die vorhandenen Ängste werden
dadurch verstärkt, weil keine neuen Erfahrungen (Korrektur irrealer
Bewertungserwartungen) gemacht werden.
Studien haben folgende Erkenntnisse über Sozialphobiker erbracht:
- Sozialphobiker
berichten im Vergleich zu Agoraphobikern und normalen Kontrollgruppen,
dass ihre Eltern Sozialkontakte mit anderen Familien weniger
unterstützten, sie von neuen sozialen Erfahrungen eher abhielten,
übermäßigen Wert auf die Meinung anderer legten und eher Scham als
Disziplinierungsmethode einsetzten.
- Sozialphobiker
überschätzen im Vergleich zu normalen Kontrollgruppen die
Wahrscheinlichkeit eines negativen Ereignisses und unterschätzen die
Wahrscheinlichkeit eines positiven Ausgangs.
- Sozialphobiker
führen einen negativen Ausgang einer sozialen Situation eher auf
interne Faktoren, d.h. auf sich selbst und die eigenen
Unzulänglichkeiten, zurück, ein positives Ergebnis dagegen auf externe
Faktoren wie Glück, Schicksal oder wohlwollendes Verhalten anderer. Da
auch Depressive so denken, wurde das Merkmal Depression kontrolliert,
dennoch blieb der erwähnte Sachverhalt bestehen, d.h. Sozialphobiker
denken nicht einfach nur so, weil sie eventuell depressiv sind.
- Sozialphobiker
weisen ein Übermaß an negativen selbstbezogenen Gedanken auf und
erwarten negative Bewertungen von anderen. Die negativen Gedanken von
Sozialphobikern beziehen sich eher auf sich selbst als auf die Reaktion
anderer.
- Sozialphobiker
erleben in sozialen Situationen und bei öffentlichen Reden eine
verstärkte physiologische Erregung mit entsprechenden Symptomen, die
möglicherweise für andere sichtbar sind (z.B. Erröten, Schwitzen,
Zittern).
- Sozialphobiker überschätzen jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass ihre körperlichen Symptome von der Umwelt wahrgenommen werden.
- Sozialphobiker
beachten bei experimentellen Aufgaben im Labor sozial bedrohliche Reize
in übermäßiger Weise, was zu einer Leistungsbeeinträchtigung führt.
Dies erklärt auch die Leistungsminderung bei Prüfungsangst.
- Sozialphobiker
weisen ein schlechteres Erinnerungsvermögen an den Gesprächsinhalt
einer Unterhaltung mit einem Versuchsleiter auf als nichtängstliche
Menschen. Dies bestätigt das subjektive Gefühl der kognitiven
Beeinträchtigung in sozialen Situationen. Es handelt sich dabei jedoch
nicht - wie oft geglaubt wird - um eine Merkfähigkeitsstörung
(Speicherstörung, "Output-Störung"), sondern um eine angstbedingte
Aufmerksamkeitsstörung ("Input-Störung"). Bei primär unzureichender
Aufmerksamkeit gegenüber Umweltreizen besteht sekundär das Gefühl einer
Merkfähigkeitsstörung.
- Sozialphobiker
weisen zu perfektionistische Standards auf, vermutlich wohl zur
Kompensation der vermeintlichen oder tatsächlichen Unzulänglichkeiten.
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SOZIALE ÄNGSTE - DIE ANGST VOR DEN ANDEREN
Gerhard - Die Angst vor Ablehnung führt zum Rückzug
Gerhard wollte in der 1. Klasse eines Oberstufenrealgymnasiums am
liebsten nicht mehr in die Schule gehen. Er glaubte, dass er als Kind
vom Land nicht zu den Mitschülern passte, die großteils aus der Stadt
stammten. Er unterschied sich von den anderen durch seine Mundart, aber
auch durch seine Kleidung. Seine Eltern konnten ihm aus finanziellen
Gründen keine Markenartikel kaufen, was in seiner Klasse sehr wichtig
war. Als ehemaliger Hauptschüler tat er sich anfangs in verschiedenen
Gegenständen auch viel schwerer als zahlreiche andere Schüler, die
vorher eine AHS-Unterstufe besucht hatten. Er wusste wenig von den
jeweiligen Sportgrößen und auch nicht viel von den aktuellen
Musikstars. Die anderen tauschten Computerspiele aus, er konnte mangels
PC nichts anbieten. Als Bauernkind vom Land liebte er die Tierwelt und
legte eine Sammlung von Käfern und Schmetterlingen an, doch dies
interessierte die Mitschüler kaum.
Er fühlte sich in der Klasse isoliert, manchmal auch belächelt. Mit den
Mädchen kam er besser zurecht, weshalb er den Spitznamen "Mädi"
erhielt. Nach einigen Monaten Schulbesuch fürchtete er sich bereits am
Morgen vor der Schule. Er grübelte täglich darüber nach, wie die
anderen auf ihn reagieren würden. Das Frühstück schmeckte ihm nicht
mehr, weil er so angespannt und ängstlich war. Auf der Fahrt mit dem
Bus in die Stadt nahm seine Angst einmal so stark zu, dass er ausstieg
und wieder nach Hause fuhr. Seine Eltern sprachen ihm Mut zu, dass es
sich dabei nur um Anfangsschwierigkeiten handle, doch dies nutzte
nichts.
Im Laufe der Zeit entwickelte er aus Angst vor seinen Mitschülern
körperliche Symptome. Er litt vor allem unter Schlafstörungen,
Magenschmerzen und eigenartigen Schwindelzuständen. Mehrfach musste er
mitten im Unterricht wegen Übelkeit und Schwindel das Klassenzimmer
verlassen, wobei er dies anfangs zu überspielen versuchte, indem er
erklärte, dass er wegen Durchfallsneigung die Toilette aufsuchen müsse.
Einmal schickte ihn ein Lehrer während des Unterrichts nach Hause und
riet ihm, zum Arzt zu gehen. Ein anderes Mal bekam er vor der
Mathematik-Schularbeit einen derartigen aufregungsbedingten
Fieberschub, dass ihn der Hausarzt für drei Tage krank schrieb.
Er glaubte, dass ihn sein Mathematik-Professor ebenso wenig akzeptierte
wie seine Mitschüler. Dabei hatte dieser nur gesagt, dass man seinen
schulischen Rückstand als ehemaliger Hauptschüler im Vergleich zu den
früheren AHS-Schülern schon etwas merke und er ihm daher zu einem
vorübergehenden Nachhilfeunterricht rate.
Er fürchtete sich immer mehr vor jeder mündlichen Prüfung, weil er
dachte seine Mitschüler würden seine Aufregung und seine körperlichen
Angstzustände bemerken. Anstatt sich voll auf die Frage der Lehrkraft
oder auf die Aufgabenstellung an der Tafel zu konzentrieren, fragte er
sich immer häufiger, was die anderen an ihm merken würden. Er richtete
seine Aufmerksamkeit immer mehr auf seinen Körper. Würden die anderen
sein leichtes Zittern wahrnehmen oder seine Schweißperlen auf der Stirn
sehen? Was würden sich die anderen denken, wenn er zu stottern beginnt
oder seine Stimme bricht? Wenn er vor Aufregung kein Wort herausbringt,
würden die anderen dann denken, dass er nichts gelernt habe, obwohl er
doch bis spät in die Nacht über den Schulbüchern gesessen sei?
In einigen Fächern verschlechterten sich die Noten bei Schularbeiten
und mündlichen Tests. Dies hing mit der durch Angst und Aufregung
bedingten Konzentrationsstörung zusammen. Die schlechten Noten wiederum
verstärkten Gerhards Erwartungsängste, bei Prüfungen zu versagen oder
unter seinem Wert geschlagen zu werden.
Schließlich führten die Eltern ein Gespräch mit dem Klassenvorstand,
dem Gerhards Probleme schon längst aufgefallen waren. Man vereinbarte
eine Testung im schulpsychologischen Dienst. Dabei stellte sich heraus,
dass Gerhard eine überdurchschnittliche Intelligenz aufwies und seine
Schulprobleme nicht mit Begabungsmängeln zusammenhingen.
Die Schulpsychologin empfahl ihm eine Psychotherapie, die nach einem
halben Jahr zu einer wesentlichen Besserung seines Verhaltens führte.
Er schaffte das erste Jahr der höheren Schule und wurde später nicht
nur ein guter, sondern auch ein beliebter Schüler. Er hatte gelernt,
auf andere zuzugehen. Gerhards Probleme wurden dadurch verstärkt, dass
er sich aus Angst vor Ablehnung selbst aus der Klassengemeinschaft
ausschloss, während er glaubte, er sei von den anderen ausgeschlossen
worden.
Die unmögliche Kunst, es allen recht zu machen
Menschen mit sozialen Ängsten möchten es allen recht machen, um
gefürchteter Kritik zu entgehen. Was dabei herauskommt, wird durch eine
schöne orientalische Geschichte veranschaulicht.
In der glühenden Mittagshitze zogen ein Vater, sein kleiner Sohn und
ein Esel durch die staubigen Gassen einer Stadt. Der Vater saß auf dem
Esel, während der Junge daneben herging. Da sagte ein Vorübergehender:
"Der arme Junge. Seine kurzen Beine können mit dem Tempo des Esels kaum
mithalten. Wie kann ein Vater so faul auf dem Esel sitzen, während das
kleine Kind vom Laufen ganz müde wird." Der Vater beherzigte diese
Worte und setzte den Jungen auf den Esel. Bald darauf kam ein anderer
Mann vorbei und rief: "So eine Unverschämtheit. Der kleine Bengel sitzt
wie ein Sultan auf dem Esel, während sein armer, alter Vater
nebenherläuft." Dies schmerzte der Jungen, der daraufhin den Vater bat,
sich hinter ihn auf den Esel zu setzen. Bald darauf rief eine
vorbeigehende Frau entrüstet aus: "Hat man so etwas schon gesehen? So
eine Tierquälerei! Der Rücken des armen Esels hängt völlig durch, und
der alte und der junge Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus, als wäre die
arme Kreatur ein Diwan!" Daraufhin stiegen Vater und Sohn wortlos vom
Esel herunter. Einige Schritte weiter machte sich ein Fremder über sie
lustig: "So dumm möchte ich nicht sein. Wozu führt ihr denn den Esel
spazieren, wenn er nichts leistet, euch keinen Nutzen bringt und nicht
einmal einen von euch trägt?" Jetzt erst zog der Vater die richtige
Schlussfolgerung und sagte zu seinem Sohn: "Gleichgültig, was wir
machen, es findet sich immer jemand, der damit nicht einverstanden ist.
Ich glaube, wir müssen selbst wissen, was wir für richtig halten."
Das Wesen sozialer Ängste
Krankhafte soziale Ängste werden als "soziale Phobie" bezeichnet. Eine
soziale Phobie ist eine starke Angst, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit
anderer Menschen zu stehen, sich peinlich oder demütigend zu verhalten.
Es besteht eine Furcht vor der prüfenden Beobachtung durch andere
Menschen in verhältnismäßig kleinen Gruppen, nicht dagegen in
Menschenmengen, wo die angstmachende persönliche Nähe zu einzelnen
Menschen entfällt.
Soziale Situationen und
Leistungssituationen werden oft gänzlich vermieden oder nur unter
intensiver Angst durchgestanden. Sozial ängstliche Menschen leiden
unter ihren Angstsymptomen und ihrem Vermeidungsverhalten, können aber
trotz der Erkenntnis, dass sie übertrieben und unvernünftig sind, ihr
Verhalten nicht ändern.
Die Angst, beobachtet und kritisch
bewertet zu werden, führt zu körperlichen Symptomen, die erst recht die
Angst vor sozialer Auffälligkeit verstärken. Die Angst äußert sich in
typischen körperlichen Symptomen wie z.B. Verkrampfung, Händezittern,
feuchte Hände, Schwitzen, Erröten, Herzrasen, Atemnot, Knödelgefühl im
Hals, Übelkeit, Schwindel, Kopf- oder Magenschmerzen, Harn- oder
Stuhldrang, Stottern bzw. Sprechhemmung. Die Angst kann bis zu einer
Panikattacke ansteigen.
Neben den bekannten Angstsymptomen treten in den gefürchteten sozialen
Situationen vor allem folgende Symptome auf, die nach außen hin
sichtbar werden (Erröten, Zittern, Schwitzen, Weinen, Stimmprobleme,
Angst zu erbrechen, Harn- oder Stuhldrang). Dies wird als weiterer bzw.
eigentlicher Grund für die negative Bewertung vonseiten der Umwelt
erlebt.
Die körperlichen Beschwerden bei sozialen Ängsten sind ein wesentliches
Unterscheidungsmerkmal gegenüber einer einfachen Schüchternheit. Sie
stellen für viele sozial ängstliche Menschen das zentrale Problem dar.
Die Angst vor dem sichtbaren Zittern der Hände kann dazu führen, dass
die Betroffenen in Anwesenheit anderer nichts essen, trinken oder
unterschreiben. Ohne das Gefühl der Beobachtung können die Betroffenen
alle Tätigkeiten problemlos ausführen. Sozialen Situationen wird nicht
nur wegen des befürchteten Händezittern ausgewichen. Das Händezittern
ist vielmehr das Ergebnis der angstbedingten Muskelverspannung in
sozialen Situationen.
In der Selbstwahrnehmung können die Angstsymptome als das zentrale
Problem verkannt werden. Eine Errötungsangst bezieht sich auf das
Erröten in sozialen Situationen und entsteht aus der Angst vor
Sozialkontakten, während die Betroffenen meinen, sie würden nur wegen
des unkontrollierbaren Errötens den Kontakt mit anderen Menschen
fürchten. Die Angst, der momentane Schweiß oder Mundgeruch könnte
anderen unangenehm auffallen, führt zu einem "Sicherheitsabstand" zu
anderen Menschen. Die anderen sollen nicht nur nichts Peinliches sehen,
sondern auch nichts riechen.
Die Vielfalt sozialer Ängste
Soziale Ängste treten in folgenden typischen Situationen auf:
- sich in Gegenwart anderer äußern,
- in der Öffentlichkeit eine Rede halten,
- bei einem bestimmten Anlass öffentlich in Erscheinung treten,
- Kennenlernen fremder Menschen (z.B. vorgestellt werden),
- Personen des anderen Geschlechts ansprechen,
- Essen und Trinken mit anderen (das Glas heben ohne Zittern),
- Teilnahme an Gruppen (Parties, Feiern, Treffen, Verabredungen, Schulausflügen, Aufenthalt in einem Klassenzimmer oder Hörsaal),
- unter Beobachtung anderer schreiben bzw. eine Unterschrift leisten,
- in einer Leistungssituation von anderen beobachtet werden,
- sportliche Betätigung, während andere zuschauen (z.B. im Turnunterricht),
- Teilnahme bei Tests und Wettbewerben,
- beim Rotwerden, Zittern oder Schwitzen sich beobachtet fühlen,
- in einem Lokal in der Mitte sitzen,
- in öffentlichen Verkehrsmitteln anderen gegenübersitzen und auffallen,
- Besuch öffentlicher Toiletten,
- Bewerbungsgespräche vornehmen,
- Autoritätspersonen gegenübertreten,
- bei Benachteiligung um sein Recht kämpfen,
- berechtigte Kritik äußern.
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Völlig unterschiedliche Menschen können soziale Ängste aufweisen:
- eine
Schülerin mit Prüfungsangst, der aufgrund ihrer massiven körperlichen
Symptome nicht an einer entscheidenden Schularbeit teilnehmen kann;
- ein
Schüler, der schon zweimal angeblich wegen des falschen Schultyps die
höhere Schule gewechselt hat, tatsächlich jedoch Probleme mit der
Integration in die Klassengemeinschaft aufweist;
- ein Lehrling, der das Berufsschulinternat nicht aufsuchen kann, weil er außerhalb der Familie nicht übernachten kann;
- eine
Lehrerin, die aus Angst vor bestimmten "schwierigen" Schülern nur mehr
mit Beruhigungsmitteln den Klassenraum betreten kann;
- ein
Abteilungsleiter, der sich und seine Untergebenen ständig arbeitsmäßig
überfordert, weil er keine Kritik vonseiten der Geschäftsführung
vertragen kann und daher alles tut, um dies zu vermeiden;
eine Frau
mit ständigen Kopf- und Rückschmerzen, die angeblich nur wegen ihrer
Schmerzen nicht mehr fortgeht, weil sie niemand zur Last fallen möchte;
- eine
durchwegs attraktive Frau, die wegen ihrer Figur nicht mehr baden geht,
weil die Leute sonst zuviel auf sie schauen könnten;
- ein
Politiker, der ständig im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht und sich
dennoch davor fürchtet, weil er es jedem recht machen möchte;
- ein
erfolgreicher junger Unternehmer, der ständig rot wird, wenn er eine
Frau anspricht, so dass er die Partnersuche zugunsten eines
Überengagements in seiner Firma aufgibt;
- ein
junger Mann, der eine Beziehung zweimal gerade dann abbrach, als sie
intim zu werden begann, weil er Angst hat, sexuell zu versagen, wie
dies in der ersten Beziehung einmal der Fall war;
- eine
junge Frau, die trotz des Wunsches nach einer Beziehung alle Männer
zurückweist, weil sie Angst hat, dass der Partner nach längerer
Bekanntschaft die Beziehung wegen einer attraktiveren Frau beenden
könnte;
- ein
Einzelhandelsverkäufer, der wegen ständiger unerklärlicher Symptome
viele Krankenstände aufweist und deshalb seinen Beruf wechseln muss,
tatsächlich jedoch durch seine anhaltende Angst vor kritischen Kunden
an seiner Arbeitsstelle überfordert war;
- ein
fleißiger Facharbeiter, der aufgrund seiner Tüchtigkeit eine
Vorgesetztenposition erlangt, die jedoch wegen des ständigen
Entscheidungsdrucks, der zahlreichen Repräsentationspflichten und
verschiedener spannungsgeladener Sitzungen für ihn bald so belastend
ist, dass er eine stationäre Behandlung aufsuchen muss;
- ein
Langzeitarbeitsloser, der aus Angst vor körperlichen Angstsymptomen
beim Vorstellen alle vom Arbeitsamt angebotenen Arbeitsstellen so lange
nicht aufsucht, bis diese durch jemand anderen besetzt sind;
- ein
Mann, der kaum mehr in ein Lokal geht, weil er Angst hat, dass andere
Leute das Zittern seiner Hände beim Heben eines Glases bemerken könnten
und ihn dann als Exalkoholiker verdächtigen könnten;
- ein
Sportler, der im Training stets gute Leistungen erbringt, im Wettkampf
jedoch unter dem Druck einer kritischen Öffentlichkeit versagt.
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Wie sich sozial ängstliche Menschen das Leben erschweren
Ein gewisses Ausmaß an sozialer Angst ist völlig normal. Die
Krankheitswertigkeit sozialer Ängste hängt vom Ausmaß der erlebten
Beeinträchtigung ab. Kennzeichnend ist die angstvolle Vermeidung von an
sich gewünschten Sozialkontakten.
Eine einfache Schüchternheit
stellt keine Störung dar, wenn sie nicht als belastend erlebt wird.
Viele gesunde Menschen erleben zeitweise die Angst, sich in sozialen
Situationen zu blamieren, fühlen sich dadurch aber nicht so belastet
und beeinträchtigt wie Menschen mit sozialen Ängsten.
Ein schüchterner Mensch vermeidet so gut als möglich, im Mittelpunkt zu
stehen, kann dies aber aushalten, wenn es von ihm gefordert wird (z.B.
eine Rede halten), während ein sozial ängstlicher Mensch vorher häufig
krank wird oder das Ereignis nur mit großer Angst durchsteht.
Insbesondere die Angst vor
öffentlichem Sprechen führt dazu, dass zahlreiche Menschen den Auftritt
in der Öffentlichkeit vermeiden, so gut es geht. Wenn aus schulischen,
beruflichen oder sonstigen Gründen ein öffentlicher Auftritt
unvermeidlich ist, können schüchterne Menschen sehr wohl in den
Mittelpunkt der Aufmerksamkeit treten, während sozial ängstliche
Menschen körperliche Symptome bekommen.
Schüchterne Menschen können
durchaus erkennen, dass sie von anderen Menschen gemocht werden, sozial
ängstliche Personen können dagegen nicht glauben, dass sie von ihrem
Wesen her wirklich akzeptiert werden. Soziale Ängste beruhen auf einer
Wahrnehmungsverzerrung infolge unzutreffender Einstellungen. Wer
glaubt, dass er von den anderen abgelehnt wird, wird in allem und jedem
einen Beweis dafür finden.
Prüfungsangst, Sprechangst, Lampenfieber und Schüchternheit in
Anwesenheit fremder Personen sind häufige Erscheinungen. Sie werden nur
dann als Ausdruck sozialer Ängste diagnostiziert, wenn die dabei
auftretende Angst belastend ist und die einsetzende Vermeidungstendenz
zu einer ernsthaften Lebensbeeinträchtigung führt.
Menschen mit sozialen Ängsten
haben oft ein niedriges Selbstwertgefühl und sind selbst ihre
schärfsten Kritiker. Sie fürchten, dass andere Menschen ihre
eingebildeten oder tatsächlichen Schwächen erkennen könnten. Sie können
ihre Eigenart nicht annehmen und fürchten die soziale Ablehnung als
Bestätigung ihrer vermeintlichen Minderwertigkeit.
Sie beschäftigen sich in sozialen
Situationen übermäßig mit der eigenen Person und der Wirkung auf andere
Menschen. Sie glauben, die anderen würden ebenfalls ständig ihre
vermeintlichen Defizite beobachten. Durch die ständige
Selbstbeobachtung und das anhaltende Gefühl der Beobachtung verlieren
sie jede Spontaneität und werden dadurch sozial noch distanzierter.
Sozial ängstliche Menschen können
sich vor denselben Situationen fürchten wie Menschen mit Platzangst,
jedoch aus anderen Gründen, nämlich wegen der unerträglichen sozialen
Beachtung und Beurteilung der eigenen Person ("Was werden sich die
anderen von mir denken?", "Bestimmt halten sie mich für dumm", "Ich
könnte mich blamieren").
Nicht selten werden die sozialen
Ängste durch Ausreden zu verbergen versucht (z.B. "Ich finde Parties
blöd", "Ich mag diese Typen nicht", "Ich kann nicht mehr soviel
fortgehen wie früher, weil ich viel lernen muss").
Sozialer Rückzug oder das
verkrampfte Bemühen, möglichst unauffällig zu wirken, verhindert die
Erfahrung, dass die Mitmenschen die Betroffenen gar nicht im
gefürchteten Ausmaß beobachten und kritisieren, sondern trotz der
vermeintlichen Schwächen als liebenswerte Persönlichkeiten ansehen.
Soziale Angst aus
Selbstunsicherheit kann so weit gehen, dass die Betroffenen glauben,
andere Menschen würden ständig über sie sprechen oder sie in besonderer
Weise anschauen.
Die Konzentration auf die eigene
Person und deren Wirkung auf andere beeinträchtigt die Zuwendung zum
Gesprächspartner und dessen Äußerungen, was subjektiv als
Konzentrationsstörung oder gar als Merkfähigkeitsstörung erlebt werden
kann.
Die Angst vor Kritik und Ablehnung
hat zur Folge, dass Menschen mit sozialen Ängsten sich nicht
ausreichend durchsetzen und ihre berechtigten Wünsche und Bedürfnisse
nicht vertreten können. Sie haben Schwierigkeiten, Nein zu sagen und
sich gegenüber den Forderungen anderer abzugrenzen, weil sie Angst
haben, nicht mehr geliebt zu werden.
Viele Menschen mit sozialen
Ängsten leben sehr zurückgezogen und sehnen sich bei aller Angst vor
Ablehnung und Zurückweisung doch sehr nach Kontakt und Anerkennung.
Nach verschiedenen verpassten Gelegenheiten leiden sie stark unter dem
Gefühl, wieder einmal nicht die Initiative ergriffen zu haben und z.B.
eine Person des anderen Geschlechts angesprochen zu haben.
Auf der Suche nach einem Partner
hoffen viele sozial ängstliche Personen gleich auf einen intimen
Partner. Das erste Gespräch im Lokal wird bereits zum Test, ob man beim
anderen "angekommen" oder "durchgefallen" ist. Diese Art der
Kontaktsuche ist auf dem Hintergrund des langen Alleinseins
verständlich, stellt jedoch eine Überforderung für beide
Gesprächspartner dar. Oft fehlen Geduld und Verständnis dafür, dass
eine Beziehung über einen längeren Zeitraum, auch durch Enttäuschungen
hindurch, aufgebaut werden muss.
Alleinstehende Menschen mit
sozialen Ängsten glauben nicht selten, durch einen intimen Partner
schlagartig alle Ängste zu verlieren. Ein Partner wird häufig als
Retter aus großer Not sehnsüchtig erwartet. Er soll die innere
Unsicherheit ausgleichen und eine Erlösung aus der Einsamkeit bewirken.
Menschen mit sozialen Ängsten haben
oft völlig unrealistische Zielvorstellungen über den Aufbau und die
Erhaltung von Beziehungen und erleben deshalb immer wieder neue
Enttäuschungen. Bei langfristig unerfüllten Erwartungen können
depressive Verstimmungen auftreten.
Soziale Ängste können durch eine Partnerschaft nach außen hin oft über
einen langen Zeitraum überspielt werden. Wenn die Paarbeziehung
zerbricht, können die alten Probleme und Symptome bald wieder
auftreten.
Soziale Ängste äußern sich häufig
in Form von sexuellen Funktionsstörungen. Die Angst, in sexueller
Hinsicht zu versagen oder als Frau bzw. Mann nicht attraktiv genug zu
sein, verhindert den näheren Kontakt mit einer Person des anderen
Geschlechts. Küssen wird nicht selten aus Angst vor schlechtem
Mundgeruch vermieden. Die Betroffenen brechen eine beginnende Beziehung
häufig von sich aus ab, um der Angst vor Ablehnung zu entgehen.
Soziale Ängste entwickeln sich
langsamer als andere Angststörungen. Erste Anzeichen dafür sind oft
eine ausgeprägte Schüchternheit oder Zurückhaltung, später resultieren
daraus auch verschiedene berufliche oder private Probleme.
Eine Depression ist die häufigste
Begleit- und Folgesymptomatik sozialer Ängste. Sozial ängstliche
Menschen mit einer Depression weisen eine besondere Überempfindlichkeit
bei Kritik und Ablehnung auf.
Eine soziale Phobie ist keine
harmlose Angstkrankheit, was sich auch in relativ häufigen
Selbstmordgedanken und Selbstmordversuchen äußert. Bei rund 15% kommen
Selbstmordversuche vor.
Die depressive Verstimmung
entwickelt sich oft als Folge der sozialen Hemmung. Die Depression ist
bedingt durch die Unzufriedenheit mit der jeweiligen Lebenssituation
(geringe Durchsetzungsfähigkeit im beruflichen und privaten Bereich,
Vereinsamung, wenig Verhaltensalternativen).
Viele sozial ängstliche Personen benutzen Alkohol, um ihre Ängste zu
dämpfen. Der Alkoholmissbrauch ist bei sozialen Ängsten ausgeprägter
als bei Platzangst. Zahlreiche angstauslösende soziale Kontakte
erfolgen in Situationen, in denen Alkohol zur Verfügung steht (z.B. bei
Verabredungen, Feiern, Essen im Restaurant). Unter Alkoholikern
befinden sich viele sozial ängstliche Menschen, die wegen ihrer Ängste
zu trinken begonnen haben.
ZWEI TYPEN SOZIALER ÄNGSTE
Man kann zwei Arten von sozialen Ängsten unterscheiden:
1. spezifische soziale Ängste
2. generalisierte soziale Ängste
Spezifische soziale Ängste
Spezifische soziale Ängste (von den Fachleuten "Sozialphobie vom
Leistungstyp" genannt) beziehen sich auf Essen oder Schreiben in der
Öffentlichkeit sowie auf bestimmte Leistungssituationen (Prüfung,
Reden, sportliche Betätigung usw.). Die Angst bewirkt eine Hemmung von
an sich vorhandenen Fertigkeiten und geht mit belastenden körperlichen
Symptomen einher.
Die Störung ist begrenzt auf spezifische Leistungssituationen vor den
Augen anderer Menschen, während in allen anderen Bereichen eine gute
soziale Funktionsfähigkeit gegeben ist. Eine Konfrontationstherapie ist
oft hilfreich.
Als Auslöser dient häufig ein einschneidendes Erlebnis (z.B.
Ausgelachtwerden beim Stottern während eines Referats, Verspottung bei
einer ungeschickten Turnübung, Händezittern beim Schreiben an der
Tafel). Dabei trat - von den anderen oft unbemerkt - die erste
Panikattacke oder eine panikähnliche Reaktion auf.
Soziale Ängste vom Leistungstyp können aufgrund der damit verbundenen
körperlichen Symptome zu einer plötzlichen Veränderung eines
Jugendlichen führen, die der Umwelt völlig unerklärlich erscheint, vor
allem wenn der Betroffene vorher als kontaktfreudig und selbstbewusst
galt.
Eine spezifische Sozialphobie beginnt durchschnittlich im 16. oder 17.
Lebensjahr und hängt oft mit situativ bedingten Panikattacken zusammen.
Die Beeinträchtigungen zeigen sich meist im schulischen und beruflichen
Bereich.
Generalisierte soziale Ängste
Generalisierte soziale Ängste beziehen sich auf vielfältigste soziale
Situationen und beruhen häufig auf einer allgemeinen
Selbstunsicherheit, so dass ein Selbstsicherheitstraining angezeigt ist.
Die Betroffenen fürchten sowohl öffentliche Leistungssituationen (vor
anderen reden, essen schreiben usw.) als auch alle möglichen soziale
Situationen (z.B. Kontaktaufnahme mit Fremden oder Personen des anderen
Geschlechts).
Im Laufe der Zeit kommt es zu schweren Beeinträchtigungen in allen
Lebensbereichen, so dass soziale, schulische und berufliche Probleme
auftreten.
Die Störung ist oft mit einer depressiven Symptomatik oder mit Alkoholmissbrauch verbunden.
Generalisierte soziale Ängste treten gewöhnlich schon sehr früh auf
(durchschnittlich mit 11-12 Jahren), jedenfalls vor dem 15 Lebensjahr.
Soziale Ängste bewältigen
Soziale Ängste lassen sich relativ gut bewältigen:
- Bei
spezifischen sozialen Ängsten, wo die Gehemmtheit eine große Rolle
spielt, ist eine Konfrontation mit den gefürchteten sozialen
Situationen sehr wirksam, um jedes Vermeidungsverhalten zu beseitigen.
Erwartungsängste werden dadurch als unzutreffend erkannt. Stelle Dich
jeder gefürchteten sozialen Situation nach den Prinzipien der
Angstbewältigung.
- Ein
Selbstsicherheitstraining dient dem Aufbau sozialer Fertigkeiten und
der Entwicklung von mehr Selbstsicherheit bei eher generalisieren
sozialen Ängsten. Schau Dich um, wer Dir als Vorbild dienen könnte und
lerne aus der Beobachtung anderer, selbstsicherer zu werden.
- Sehr wichtig ist es auch, die negativen, angsterzeugenden und angstverstärkenden Denkmuster zu analysieren und zu verändern.
- Einige Vorschläge für kleine Mutproben können dir helfen, wenn dein Problem eher in einer sozialen Gehemmtheit besteht:
- Gehe
in einem Lokal bis zum Ende und tue so, als ob du einen Bekannten
suchen würdest und frage den Kellner, ob er einen blonden jungen Mann
mit einem blauen Sakko gesehen habe.
- Versuche
in einem Supermarkt bei einer Menschenschlange zur Kasse vorgelassen zu
werden mit der Begründung, du hättest nur einen Artikel.
- Trage einmal eine Kleidung, mit der du sicher Aufsehen erregst.
- Frage
vor einer Telefonzelle Personen, die du sonst niemals anreden würdest,
ob sie dir eine 5-S-Münze auf einzelne Schilling wechseln können.
- Ersuche vor einer Telefonzelle Passanten, dir einen Schilling zu schenken.
- Rede
eine Person des anderen Geschlechts an, von der du glaubst, dass sie
nicht mit dir sprechen wird, um das Gefühl der Ablehnung besser
aushalten zu lernen (sollte diese Person doch mit dir reden, lass die
Gelegenheit nicht vorübergehen).
- Frage Passanten auf der Straße nach einem bestimmten Haus oder Weg.
- Versuche in einem Geschäft bei einem Verkäufer mit irgendeiner Begründung einen Preisnachlass von 3% zu erreichen.
- Übe
das Aushalten eines peinlichen Verhaltens, indem du z.B. in einem Café
den Teelöffel zu Boden fallen lässt und um einen neuen ersuchst.
- Sage
in einer für dich typischen Angstsituation: "Jetzt wird mir ganz heiß,
jetzt schwitze ich aber ordentlich, mir wird jetzt ganz schwindlig,
gleich werde ich rot", um auf diese Weise deine Angst vor dem
Sichtbarwerden von Symptomen zu bewältigen.
- Äußere
bestimmte Wünsche direkt und ohne Entschuldigung, auch wenn du glaubst,
dass sie von den Betroffenen nicht erfüllt werden.
- Halte Blickkontakt mit anderen, bis diese wegschauen, bzw. lächle sie an.
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Autor:
Dr.Hans Morschitzky
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